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Arbeitsmarkt Zu viel Bürokratie: Erst jeder dritte Ukrainer in Sachsen-Anhalt hat einen Job

Die Ukrainer finden immer öfter einen Job. Die Beschäftigungsquote liegt aber deutlich niedriger als in anderen EU-Staaten. Warum das so ist.

Von Steffen Höhne, Luisa König und Sarah Knorr 24.02.2025, 06:00
Sunita und Sirhii Lapa haben den Wettiner Hof gekauft und  dort ein Café eröffnet.
Sunita und Sirhii Lapa haben den Wettiner Hof gekauft und dort ein Café eröffnet. Foto: Luisa König

Halle/MZ/DPA - „Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt“, sangen „Geier Sturzflug“ ironisch im Jahr 1982. Für den Ukrainer Sirhii Lapa und seine indische Frau Sunita Lapa ist die Liedzeile jedoch sehr passend. Vor wenigen Tagen eröffnete das Paar im „Wettiner Hof“ ein Café. Bei einem Ausflug hatte der Ukrainer das leerstehende Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert entdeckt. Zusammen mit seiner Frau renovierte er es und ist nun Gastronom. Die beiden kamen 2022 nach Deutschland. „Es war nicht leicht für uns“, sagt der Ukrainer – vor allem wegen fehlender Sprachkenntnisse. Doch nun haben sie in Wettin (Saalekreis) ein neues Heim, die Arbeit haben sie sich selbst verschafft.

Vor drei Jahren hat die größte Flüchtlingsbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Als Russlands Präsident Wladimir Putin am 24. Februar 2022 seinen Angriff auf das Nachbarland begann, wollten die meisten ihr Leben retten. Die wenigsten dachten Schilderungen von Betroffenen zufolge an einen jahrelangen Aufenthalt in Deutschland. Wie gut sind die Ukrainer inzwischen hierzulande im Arbeitsmarkt angekommen?

Was andere europäische Länder besser machen

Nach Angaben der Landesarbeitsagentur waren im November 2024 – aktuellere Zahlen liegen nicht vor – 6.600 Ukrainer in Sachsen-Anhalt beschäftigt. 6.000 Menschen aus der Ukraine sind den Angaben zufolge arbeitslos gemeldet, aktuell nehmen 2.600 an Integrationskursen teil, 1.100 an berufsbezogenen Sprachkursen und 270 seien in Arbeitsmarkt-Programmen. Die sogenannte Integrationsquote liegt bei knapp 30 Prozent. Mit Blick auf die demografische Entwicklung ist laut Arbeitsagenturchef Markus Behrens für viele Unternehmen auch das Arbeitskräftepotenzial aus der Ukraine interessant, welches dem Arbeitsmarkt bereits jetzt oder perspektivisch zur Verfügung steht.

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber sieht deutliche Fortschritte bei der Integration von Menschen aus der Ukraine. „Seit Anfang 2024 geht es deutlich stärker bergauf, die Beschäftigung von Ukrainern steigt derzeit deutschlandweit um rund 7.000 pro Monat“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Inzwischen leben laut Statistikamt rund 1,25 Millionen Menschen aus der Ukraine in Deutschland, etwa achtmal mehr als zu Beginn des Krieges. Mit einer Beschäftigungsquote von 30 Prozent liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. In den Niederlanden sind es dagegen 70 Prozent.

Integrationsexperte Dietrich Thränhardt sagte im Vorjahr der MZ, die Zahlen seien „ein Armutszeugnis“. Es gebe hierzulande viel zu viele bürokratische Hürden, die eine Arbeitsaufnahme verhindern.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist der Anteil der Ukrainer, die in Deutschland arbeiten, gering.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist der Anteil der Ukrainer, die in Deutschland arbeiten, gering.
Grafik: Büttner

Thränhardt hatte 2023 für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung eine vergleichende Studie zur Integration in Europa erstellt und dabei auch die Beschäftigungsquoten in verschiedenen Ländern verglichen. Neben den Niederlanden schnitten Polen, Dänemark oder Großbritannien deutlich besser als die Bundesrepublik ab. In diesen Staaten steht die Integration über den Job im Vordergrund – nicht Sprach- und Ausbildungskurse.

Job-Turbo soll Vermittlung stärken

Ukrainer arbeiten laut Arbeitsagentur vor allem in der Industrie, im Handel, Gesundheits- und Sozialwesen, Baugewerbe, Gastgewerbe und im wirtschaftlichen Dienstleistungsbereich. Auch aufgrund der langsamen Integration hatte die Bundesregierung im Herbst 2023 den sogenannten „Job-Turbo“ angekündigt. Ziel ist es, Geflüchteten mit Bleibeperspektive eine schnellere Vermittlung in Arbeit zu ermöglichen. „Der Job-Turbo wirkt – und zwar bundesweit“, sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Mithilfe des „Job-Turbos“ würden jeden Monat tausende Menschen aus der Ukraine in Arbeit gebracht, die Steuern zahlten und das Land voranbrächten.

Seit 2022 gilt für ukrainische Kriegsflüchtlinge EU-weit die „Massenzustrom-Richtlinie“, wie der Mediendienst Integration erläutert. Der Vorteil sei, dass Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine „automatisch einen Aufenthaltsstatus“ bekommen. Die Bundesregierung verlängerte Ende des Jahres die derzeitige Regelung bis März 2026.

Aus Sicht von Sarah Strobel, Projektleiterin vom „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“, sind geringe Sprachkenntnisse eine der größten Hürden beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das Projekt wurde als Initiative der Deutschen Industrie- und Handelskammer und des Bundeswirtschaftsministeriums bereits 2016 gestartet. „Auch das Thema mangelnde Kinderbetreuungsangebote spielt eine entscheidende Rolle, da die überwiegende Mehrheit der Geflüchteten Frauen sind“, erläutert Strobel. Daneben sieht Experte Weber außerdem die Anerkennung von Abschlüssen sowie langwierige Verfahren als Hindernisse bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Anders als Flüchtlinge etwa aus Syrien oder Afghanistan beziehen die Ukrainer Bürgergeld. Aus der Politik wurden zuletzt Rufe laut, das zu überprüfen.

Handwerk ist enttäuscht

Aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks fehlten zunächst vielen Geflüchteten neben ausreichenden Deutschkenntnissen auch die passenden Vorqualifikationen. Laut Verband bleibt die Zahl der im Handwerk beschäftigten Menschen „bislang hinter den Erwartungen“ zurück.

Netzwerk-Projektleiterin Strobl hingegen berichtet, dass Ukrainer in den Betrieben vermehrt in den Fachkrafttitel wechselten. Neben verbesserten Deutschkenntnissen hänge dies mit Nachqualifizierungen, Berufsanerkennung sowie dem Ausbau von beruflichen Qualifikationen zusammen.

Der Ukrainer Sirhii Lapa und seine Frau Sunita wollen mit dem Café in Wettin nicht nur Geld verdienen. Das Paar will dem Ort und den Bewohnern auch etwas zurückgeben. „Wir wollen nützlich sein für Deutschland“, sagt er. Mit der Übernahme des „Wettiner Hofs“ sind sie auch ein finanzielles Risiko eingegangen. Sie glauben, dass das Café funktioniert. „Das muss es.“