"Wilhelmsburg" in Bad Kösen "Wilhelmsburg" in Bad Kösen: Bodenständig mit Aussicht

Sachsen-Anhalt und „Berghotel“ - da kann doch nur der Harz gemeint sein. Wer so denkt, hat die Rechnung ohne Michael Becker gemacht. Der 47-Jährige betreibt mit seiner Frau Simone seit fast 25 Jahren das „Berghotel Wilhelmsburg“ hoch über Bad Kösen im Burgenlandkreis. Träge fließt im Tal die Saale, rechts und links säumen prächtige Villen und stolze Burgen die gar nicht mal so niedrigen Hänge.
Die „Wilhelmsburg“, 110 Meter über der Saale, ist ein klassisches Ausflugslokal. Beckers beherbergen und bewirten Touristen und Tagesgäste. Den meisten dürfte es nicht nur um das Essen gehen, sondern auch um die Aussicht. Die, durch die großen Panorama-Scheiben im Restaurant, ist tatsächlich fantastisch. Ausflugslokal - dem wird auch die Küche gerecht. Schweinefilet, Rinderroulade, Thüringer Wurstplatte - Küchenchef Clemens Schumann und sein Team bleiben überwiegend bodenständig, hier, wo man gefühlt ohnehin schon in Thüringen ist.
Nudeln mit Tomatensoße für den Nachwuchs
Die Karte also ist fleischlastig, dennoch fällt die Wahl zumindest auf einer Seite des Tisches auf Fisch. Eine gute Entscheidung: Das gegrillte Forellenfilet (12,80 Euro) ist butterzart, die Haut knusprig und würzig. Zusammen mit dem Gemüse-Kartoffel-Bett mit Paprika und Zucchini eine perfekte Kombination für alle, die es leichter mögen. Als passenden Einstieg serviert die Kellnerin ein Apfel-Meerrettich-Süppchen, das Fruchtigkeit mit unaufdringlicher Schärfe verbindet.
Anschrift:
Eckartsbergaer Straße 20
06628 Bad Kösen
Kontakt:
034463/3670
Angebot:
bodenständige Küche,
große Auswahl an regionalen
Weinen, offen ab 2,40 Euro,
Flasche 18 bis 31,50 Euro
Öffnungszeiten:
bis Oktober montags bis freitags ab 15 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen ab 12 Uhr
Für den Nachwuchs gibt es einerseits Nudeln mit Tomatensoße, andererseits gegrillte Hähnchenbrust mit Blattspinat und Feta auf Tagliatelle (13,40 Euro). Mit ersteren kann man kaum etwas falsch machen, letztere erweist sich als perfekt - das Fleisch zart, die Nudeln bissfest, der Spinat aromatisch.
So könnte alles gut sein, wäre da nicht die geschmorte Lammkeule mit Butterbohnen und Semmelknödeln, die sich die Begleitung erwählt hat. War das noch ein Lamm, so zäh und trocken? Und warum müssen Semmelknödel vor Fett triefen? Warum muss die Soße so aussehen und schmecken, als hätte sich in ihr eine Ölkatastrophe ereignet? Die Bohnen lassen sich nur mit viel gutem Willen als auf den Punkt gegart beschreiben. Da ist etwas schief gegangen.
Leider nicht die einzige Panne. Die zweite bestellte Vorspeise wird einfach vergessen. Als man das anspricht, gibt es eine zerknirschte Entschuldigung - aber keinen Versuch, den gratinierten Ziegenkäse an Honig, Walnüssen, Feigen und Salat noch nachzuordern.
Ja, das kann passieren. Ja, das ist kein Weltuntergang. Aber andere Häuser zeigen sich in solchen Fällen am Ende mit einer kleinen Geste der Wiedergutmachung erkenntlich. In Bad Kösen bleibt diese Geste aus. Das ist enttäuschend. Gerade weil die „Wilhelmsburg“ ein Haus mit Tradition ist - und als solches einen Ruf zu verlieren hat.
1876 erhielt der Kösener Kriegerverein von Kaiser Wilhelm I. höchstpersönlich die Erlaubnis, sein Vereinslokal nach dem Herrscher nennen zu dürfen. Erbaut worden war das Haus in den Saale-Hängen ein Jahr zuvor im typischen Geschmack der Zeit - mit einem wuchtigen Turm. Schnell wurde die „Wilhelmsburg“ zum begehrten Ausflugsziel. In der DDR übernahmen die Metallbauer von der Kyffhäuser-Hütte in Artern das Haus als Ferienheim, der Name „Wilhelmsburg“ wurde durch die Bezeichnung „Bergschlösschen“ ersetzt. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat war der Kaiser halt nicht sonderlich gelitten.
Michael und Simone Becker haben das Haus 1991 übernommen und wieder zur Ausflugsgaststätte gemacht. Beckers, sie vom Fach, er als Elektroinstallateur ein Seiteneinsteiger, haben die „Wilhelmsburg“ komplett saniert und sich der Vereinigung der familiengeführten „Flair“-Hotels angeschlossen. Was das Essen angeht, setzen sie nicht nur auf regionale bodenständige Kost, sondern zumindest ansatzweise auch auf regionale Produkte. Vor allem Fleisch und Gemüse kommen von Erzeugern aus der Region. Viele Anbieter könnten aber nicht die in der Gastronomie verlangten Mengen liefern, unterm Strich liege der Anteil regional erzeugter Waren deshalb nur bei rund 20 Prozent, schätzt der Chef des Hauses.
"Die meisten Gäste möchten regionale Weine"
Auf der Weinkarte allerdings punktet das Haus voll mit regionaler Qualität. Im Angebot sind diverse Tropfen von insgesamt vier verschiedenen Saale-Unstrut-Weingütern. In unserem Fall überzeugt ein Müller-Thurgau vom Landesweingut, 0,1 Liter zu 2,40 Euro. Ein Blanc de Noir, vier Euro für 0,1 Liter, vom Winzerhof Gussek in Naumburg fällt dagegen leider etwas ab.
„Die meisten Gäste möchten regionale Weine“, sagt Michael Becker. Wer es lieber international mag, findet auf der Weinkarte auch Gewächse aus Argentinien, Australien, Italien, Frankreich und Chile. Für Freunde der Braukunst hat er auch eine Spezialität parat: In einer kleinen Brauerei in Bayern lässt er süffiges Kellerbier brauen. Das „Wilhelmsburg-Bräu“ kommt frisch vom Fass.
Aber noch ist da ja das Dessert. Vanilleeis im Cantuccini-Krokant-Mantel auf Apfel-Curry-Chutney - das klingt vielversprechend und entpuppt sich als kleine Sensation. Cremig gegen knusprig, fruchtig gegen scharf - in dieser Kombination eine regelrechte Geschmacksexplosion. Mehr davon!, möchte man rufen. Aber leider ist man da schon satt. Zudem gibt es leider nichts Vergleichbares - das süß-scharfe Eiswunder ist das einzige Dessert. Schade. So bleibt dieses Fazit: Die Küche der „Wilhelmsburg“ zeigt solide Qualität, mit Ausreißern nach oben und unten. Da sind noch Reserven.
