Verschwundenes Kind Verschwundenes Kind: Spur der Hoffnung nach 32 Jahren
Isenbüttel/Uftrungen/MZ. - Um ihr rechtes Handgelenk trägt sie ein blaues Gummiarmband. Immer, auch an diesem Tag in ihrem Haus in Isenbüttel, nahe dem niedersächsischen Wolfsburg. Für Heidi Stein, ehemals Schiller, ist das Symbol für den Internationalen Tag der vermissten Kinder wichtig. Sie will aufrütteln, erinnern. Sie will vor allem: ihren Sohn finden, nach mehr als 30 Jahren. Deshalb erzählt die 60-Jährige wieder einmal ihre unglaubliche Geschichte. Die Story, in der ein Dreieinhalbjähriger in der DDR spurlos verschwindet und nichts als Rätsel und Ungereimtheiten bleiben. Stein hat nie aufgehört, die Rätsel lösen zu wollen. Jetzt gibt es eine neue Spur, die dorthin führt, wo das Drama um Sohn Dirk begann - in den Kreis Mansfeld-Südharz.
Rückblick: Es ist der 10. März 1979, der vorletzte Urlaubstag der Eheleute Schiller und ihrer zwei Kinder. Ein Besuch in der Schauhöhle Heimkehle bei Uftrungen ist geplant, doch die Familie hat sich mit den Öffnungszeiten vertan, ist zu früh da. Während die Eltern zum Auto zurückgehen, um Einkäufe umzuladen, spielen der dreieinhalbjährige Dirk und seine fast siebenjährige Schwester auf einem verschneiten Feld an einem Bach. Es sind nur wenige Minuten. Doch als Heidi Schiller zurück zu ihren Kindern geht, kommt ihr die Tochter entgegen. "Wo ist Dirk?", fragt die Mutter - das Kind dreht sich um, dann kommt der ratlose Blick, der sagt: eben war er noch hier. Dirk, der pausbäckige Junge mit weißer Mütze und grünem Anorak, ist verschwunden. Familie, Feuerwehr und Polizei suchen vergeblich nach ihm. Und am nächsten Tag müssen die Schillers nach Hause. Es gibt keine Unterkunft, der Urlaubsplatz ist abgelaufen.
Heidi Stein ist in den vergangenen Jahren mehrfach an der Heimkehle gewesen. "Ich habe den Tag damals ganz klar in Erinnerung", sagt sie heute. Und wenn sie wieder dort ist an dem für sie so grauenvollen Ort, dann sind es nicht erwachsene Männer, in denen sie Ähnlichkeiten mit Dirk sucht. Sie sieht den kleinen Jungen vor sich. "Beim letzten Mal vor zwei Jahren wollte ich übers Feld gehen und sehen, wo er ist. Da war das Gefühl, vielleicht kommt er ja doch hinterm Baum vor."
Im März 1979 kehrt die Familie zurück nach Görlitz. Erstattet auch dort Vermisstenanzeige und macht die Polizei auf ein Detail aufmerksam, das Heidi Schiller in der ersten Aufregung entgangen ist. Da war ein Paar mit einem Moskwitsch auf dem Parkplatz der noch geschlossenen Heimkehle. Es fuhr weg, kurz bevor Dirks Fehlen auffiel.
Viel aber tut sich nicht in den Ermittlungen, für die Behörden ist Dirk ertrunken. Doch der Bach war fest zugefroren, sagt Stein. "Außerdem hätte man irgendwann eine Leiche finden müssen", setzt sie dem bis heute entgegen. Anwohner haben ihr erzählt, dass alle, die jemals in den Bach fielen, spätestens an einem Fanggitter hängen blieben. Doch von Dirk keine Spur.
Irgendwann werden die hartnäckigen Nachfragen der Eltern den Beamten offensichtlich lästig. Die Familie weigert sich, Dirk für tot erklären zu lassen. Und bekommt Besuch von der Staatssicherheit. Die hat angeblich das Paar mit dem Moskwitsch ausfindig gemacht. Es sei nach Moskau geflogen und habe außerdem drei Kinder, habe es also nicht nötig, eines zu entführen. Heidi Schiller wird stutzig. Entführen? Sie hatte auf Zeugen gehofft. Der Satz des Stasi-Mitarbeiters aber lässt sie nie wieder los. Ist Dirk entführt worden? Warum? Ihre Familie, sagt Stein, war eigentlich unauffällig. Die Eltern in der Partei, sie selbst Erzieherin für Lehrlinge in einem Kraftwerk. Aber der Glaube daran, dass die Stasi etwas mit Dirks Verschwinden zu tun hat, wird immer fester, je mehr Unglaubliches im Laufe der Jahre dazukommt. Als Schillers westdeutsche Hilfsorganisationen wegen Dirk anschreiben und einen Ausreiseantrag stellen, werden sie verhaftet und zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt - abzusitzen im "Stasi-Knast" Bautzen II. Knapp vier mal 1,80 Meter ist die Zelle groß, per Klopfzeichen verständigen sich die Gefangenen, bis die Knöchel wund sind. Nach 18 Monaten werden Schillers von der BRD freigekauft, kurz darauf dürfen auch die beiden Töchter folgen. Nur Dirk fehlt weiter.
Drüben, im Westen, schreibt Heidi Schiller ihre Erlebnisse auf. Trifft sich mit einer Journalistin, die daraus ein Buch macht. "Wo ist Dirk, Herr Honecker?" erscheint 1988, später wird die Geschichte verfilmt. Die Ehe der Eltern ist inzwischen zerrüttet. Nach Dirk aber sucht Heidi Stein weiter. Sie forscht in Stasi-Archiven, stößt auf Ungereimtheiten. Auf ein Papier, nach dem 1988 Dirks Meldedaten gelöscht werden sollten - als hätte er nie existiert. Und in dem steht, er sei 1983 in Ungarn verschwunden, nicht 1979 im Harz. "Ich bin überzeugt, da sollte etwas vertuscht werden", sagt Stein. In einem weiteren Papier weist ein Stasi-Oberst an, bei Fragen nach dem Moskwitsch keine Maßnahmen einzuleiten: "Fehlmeldung ist zu geben."
Auch nach der Wende kommen die Ermittlungen trotz aller Versuche von Stein nicht weiter. Immer wieder werden sie eingestellt, für die Behörden ist Dirk ertrunken oder der Fall verjährt. Stein kümmert sich selbst. Lässt von einem rumänischen Experten ein Bild erstellen, wie Dirk mit 30 aussehen könnte. Tritt im Fernsehen auf, gibt Zeitungsinterviews. Und nennt immer ein besonderes Merkmal von Dirk: zwei offene Fontanellen, runde weiche Stellen am hinteren Oberkopf, an denen die Schädeldecke nicht zugewachsen ist.
"Natürlich ist da noch Hoffnung", sagt sie. Einmal, 1991, meldet sich ein Stasi-Mann, der angeblich weiß, wo Dirk aufgewachsen ist, seine Aussage aber später zurückzieht. Einmal glaubt eine Frau in ihrem Freund Dirk Schiller zu erkennen. Ein DNA-Test beweist das Gegenteil. Der Freund fragt sie später, ob sie nicht helfen könnte, seine Mutter zu finden. Heidi Stein engagiert sich längst in der Stasiopfer-Selbsthilfe und für den Gedenktag für vermisste Kinder. Einmal ist sie weinend zusammengebrochen, als sie Vermisstenfotos für eine Aktion ausdruckte. Auch jedes Mal, wenn sie von der Heimkehle kommt, nimmt die Verzweiflung überhand. "Da gibt es Momente, wo ich denke: Hör einfach auf." Und doch hat sie die Suche nie eingestellt. Gegen den Stasi-Knast, so Stein, konnte sie nichts tun. "Bei Dirk, da kann ich mich bewegen."
Und dann ist da der Tag vor sechs Wochen, als das Telefon klingelt. Es ist ein Anruf aus dem Kreis Mansfeld-Südharz, auch diesmal geht es um einen jungen Mann, der Dirk Schiller sein könnte. Heidi Stein lässt sich Bilder schicken, reicht die an eine Spezialistin weiter. "Sie hat gesagt, dass es viele Übereinstimmungen gibt", so Stein. Jetzt soll eine DNA-Analyse Sicherheit bringen. Bis das Ergebnis vorliegt, ist die 60-Jährige hin und her gerissen. Sie zwingt sich, nicht zu viel Hoffnung zuzulassen. "Ich möchte nicht enttäuscht werden." Und doch: Vielleicht erfüllt sich ihr Traum nach mehr als 32 Jahren...