Schadeleben Schadeleben: Wer schrieb 1845 eine Karte mit Haarlocke?

Schadeleben - Das dunkelblonde Haar ist zu einem Zopf geflochten, anmutig auf dem Papier drapiert und mit einer grünmelierten Schleife zusammengebunden. Ein Andenken sollte es sein und an die Freundschaft zwischen Hannchen und Rosette erinnern. Das steht zumindest in altdeutscher Schrift auf dem vergilbten Briefpapier. Denn die Botschaft samt bekräftigender Haarlocke stammt aus dem Jahr 1845.
„Die Karte ist bei mir gelandet, weil ich alte Sachen aus Schadeleben sammle“, berichtet Thomas Tobis und ist mehr als neugierig. „Vielleicht bekommt man ja heraus, wer Rosette und Hannchen waren?“, will der Hobbyhistoriker nun mit Hilfe der Mitteldeutschen Zeitung auf Spurensuche gehen und ein altes Familienpuzzle zusammensetzen.
Ein paar Anhaltspunkte dafür liefert die herzige Nachricht selbst. Denn hier ist neben der Haarfarbe der Absenderin Rosette auch der Nachname Trautmann und als Wohnort Gatersleben vermerkt. Vielleicht, so will Tobis wissen, gibt es dort noch Nachkommen von ihr?
Von Hannchen gibt es dagegen nicht ganz so viel zu sagen. „Die Karte habe ich bei uns im Haus gefunden, sie lag dort seit längerem in einer Kiste“, berichtet Margritta Schweichler. Die 78-Jährige ist ein Schadelebener Urgestein. Genau wie ihr Vater Gerhard Tiebe, der mit seinen über 100 Jahren der älteste Dorfbewohner war. Und vieles in seinem Ort bewegte. Er war aktiver Fußballer und Schrebergärtner, holte als Springreiter unzählige Pokale, gründete einen Reitverein, spielte Theater, war im Gesangsverein, setzte auf dem Friedhof einen Gedenkstein für die Kriegsopfer und hauchte dem Schützenverein neues Leben ein. Der Bauernhof gleich neben dem Kindergarten, auf dem er ein ganzes Jahrhundert lebte, ist auch Margritta Schweichlers Zuhause. Und vielleicht hatte auch Hannchen einst hier gelebt. „In meiner Familie hat es eine Johanne gegeben, das war meine Urgroßmutter, die stammt zwar aus Braunschweig, hat hier aber ein paar Jahre gelebt“, erzählt die Schadelebenerin. Und berichtet von Johannes Sohn, der seine erste Stelle als Lehrer in Schadeleben antrat. „Er war noch Junggeselle und deshalb sollte seine Schwester - meine Oma - im Haushalt ab und an nach dem Rechten sehen.“ Dabei verliebte sie sich in einen Schadelebener und blieb im Seeland hängen. Weil sie aber jung starb, kam ihre Mutter Johanne in den Vorharz, um sich um die drei kleinen Kinder zu kümmern. Aber das Hannchen von der Postkarte ist sie wohl trotzdem nicht. „Die Jahreszahl kommt einfach nicht hin“, schüttelt Margritta Schweichler den Kopf. Denn ihre Uroma sei 1945 verstorben.
Die 100 Jahre ältere Karte mit Haarlocke hat Margritta Schweichler trotzdem fasziniert. „Das ist so schönes Haar und noch so gut erhalten“, findet die 78-Jährige und hat deshalb die Karte „übersetzt“ - „Wer kann heute noch die altdeutsche Schrift lesen?“ - und sie an Thomas Tobis gegeben. Damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Der sammelt alles, was mit seinem Wohnort zu tun hat. „Alte Fotos, Postkarten, alles, was es gibt...“ Erst zur 1050-Jahr-Feier hat er ein Buch über und mit solchen Schätzen gestaltet. „Was ich mit dieser Karte mache, weiß ich noch nicht“, gesteht Tobis. „Vielleicht wird sie mal Teil einer Ausstellung im Fahrradstützpunkt“, überlegt er laut. Und hofft auf andere Schadelebener, die ihm weitere Schätze anvertrauen. „Nur zum Abfotografieren“, so Tobis. Auf alle Fälle aber will er noch mehr zu den beiden Mädchen erfahren. Ob ihm dabei jemand helfen kann? (mz)
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In Schadeleben werden Puzzleteile einer herzigen Geschichte gesucht. In einer Familie ist eine rührende Postkarte von 1845 mit Haarlocke aufgetaucht, in der sich zwei Mädchen ewige Freundschaft schwören. Doch wer sind „Hannchen“ und „Rosette“? Auf der Karte steht: „Möge Dir immer die Vergangenheit Zufriedenheit, die Gegenwart Freude und die Zukunft Hoffnung geben.
Auch ohne diese Zeilen, mein liebes Hannchen, deren Erfüllung mein herzlicher Wunsch ist, erinnere Dich zuweilen an Deine Freundin Rosette Trautmann. Gatersleben, den 25. Dezember 1845.“
Schon einmal war die MZ auf Spurensuche gegangen und hatte einer australischen Familie geholfen, die Nachfahren von Gustav Schreiber zu finden, deren Erkennungsmarke sie besaßen. Heraus kam eine rührende Geschichte. (mz)