Sachsen Sachsen: Der Mann, der im Wald wohnen wollte
FALKENSTEIN/MZ. - Als Hunderttausende die Weihe der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden feiern, ist Thomas S. nicht dabei. Menschenmengen sind nicht sein Ding. Doch den Bericht über das Ereignis auf der Titelseite der "Freien Presse" vom 1. November 2005 wird er gelesen haben. Die Zeitung fand man beim Skelett in "seiner" Hütte im Wald. Vor eineinhalb Wochen hatte ein Jäger die Überreste des inzwischen als "Waldmann" bekannten Thomas S. entdeckt.
Zurückgezogen gelebt
"Er hat schon zurückgezogen gelebt, als er hier wohnte", erzählt Sigrid Schwandjak von der Vorwendezeit, als der Mann in die Erdgeschosswohnung an der Falkensteiner Rosa-Luxemburg-Straße zog. Sie zeigt auf die Fenster neben der Bäckerei, in der sie seit Jahren arbeitet. Ab und an habe der Mann scheu hinter den Gardinen hervorgelugt, so die 67-Jährige. "Mal war er da, dann war er wieder weg."
Weg war Thomas S. nicht wirklich, wenngleich er seit 1993 als "unbekannt verzogen" galt. Er tauschte die vier Wände im damals unsanierten Altbau gegen eine verwaiste Jagdhütte. Kaum drei Kilometer entfernt hauste er im Wald. Knapp 20 holzumbaute Quadratmeter und der Mischwald, der die Hütte umgab, waren seine Welt.
Wann genau der Mann starb ist unklar. Die Fetzen der Kleidung, in die seine Überreste gehüllt waren, deuten auf einen Tod zur Winterzeit hin. Die Umstände seines Todes soll ein Obduktion klären, deren Ergebnisse noch ausstehen. Ein DNA-Abgleich mit einem entfernten Verwandten soll letzte Zweifel nehmen, dass der Leichnam der des Mannes ist, der die Hütte über Jahre bewohnte und dessen DDR-Ausweis dort lag: Thomas S., geboren 1957 in Quedlinburg, der in den 80er Jahren ins Vogtland zog, zuerst nach Rodewisch, 1988 nach Falkenstein.
Verheiratet und geschieden
"Er war in Rodewisch verheiratet und geschieden worden", berichtet die ehemalige Falkensteiner Nachbarin Gabi Hannemann. Zunächst sei er als Tagelöhner unterwegs gewesen, habe auf Bauernhöfen übernachtet, auf denen er sich verdingte. Weil er mit dem Leben zu hadern schien, sei seine Mutter von Wernesgrün nach Falkenstein gezogen. "In die Wohnung über ihm", sagt Hannemann. Kurz nach der Wende verschwand S. erstmals von der Bildfläche. "Die Mutter meldete ihn als vermisst. Ich weiß noch, wie die Polizei ihn zurückbrachte", sagt die Nachbarin. "Kurz darauf war er wieder verschwunden."
Eine Fahndung Anfang der 90er Jahre kann Oliver Wurdak, Sprecher der zuständigen Polizeidirektion Südwestsachsen, nicht bestätigen. Doch er betont, dass Vermisstmeldungen nach zwei Jahren aus den Akten gelöscht werden.
Nach offizieller Darstellung der Behörden war nicht nur Thomas S.' Verbleib unbekannt, sondern auch, dass es im Wald über der Stadt einen "Waldmann" gab, wie der Volksmund munkelte. "Ich verstehe nicht, warum alle so tun, als hätten sie nichts gewusst", sagt ein Polizist, der ungenannt bleiben will. Auf dem Auerbacher Revier sei Thomas S. allen Beamten bekannt und sein Aufenthaltsort kein Geheimnis gewesen. "Wir haben ihn im Winter nachts kontrolliert. Ich wunderte mich, dass er in seinem blauen Pullover bei minus sieben Grad nicht fror. An den Satz, den er sagte, erinnere ich mich bis heute: "Ab minus zwölf Grad wird's langsam unangenehm." Festnehmen und auf die Wache schleifen? "Welche Handhabe hätte ich gehabt. Der hat nie jemandem was getan, nie gestohlen", sagt der Beamte. "Man konnte sich gut unterhalten, astreine Grammatik, kein Alkohol - nur, dass er im Wald wohnen wollte."