Porträt Porträt: Leben auf der Überholspur
Halle/MZ. - Nur: Wo sonst Rohrzange, Schraubendreher und Zollstock liegen, stapeln sich hier Mascaras, Kajalstifte, Döschen mit falschen Wimpern, Make-up-Tiegel und, hach, ein BH mit falschen Brüsten ist auch dabei.
Halter dieses Mach-mich-schöner-Kastens ist Silvio Wiesner, den die Natur mit einem beeindruckenden Countertenor gesegnet hat. Damit geriet er einst zum erfolgreichen Exportschlager der Wittenberger Kreismusikschule auf renommierten Wettbewerben. Und fünf Jahre ist es her, dass aus einer ursprünglich als Silvester-Gag geplanten Travestie-Show ein Renner wurde: So lange gibt es die Costa Divas schon, bei denen Wiesner stante pede aufs dramatische Fach abonniert wurde.
"Ich bin die Mutter des tragischen Chansons", beliebt er selbst zu scherzen, wenn er von sich als Castra Diva spricht. Das letzte Mal stöckelte er allerdings als Zwei-Meter-Prachtweib auf die Bühne, als seine Diva-Kollegen, die Schauspieler und Sänger Mario Welker und Stefan Schneegaß, in Wittenberg im Frühjahr ihr eigenes Theater eröffneten - das Clack. Dort steht Wiesner zwar noch auf der Ensemble-Liste. Aber im Grunde hat er mit der Nummer Schluss gemacht. "Castra Diva", sagt er, hebt eine Hand und spreizt den Zeigefinger ein My vom Daumen, "sie macht genauso viel von mir aus."
Der Rückzug aus der Welt des schönen Scheins hat vor allem damit zu tun, dass Wiesner sich selbst irgendwann eingestehen musste, zu viele Baustellen zu haben. Wer ihn nicht kennt, würde nicht im Traum darauf kommen, dass dieser Mann, der wie ein Maschinengewehr spricht, Kette raucht und das Stillsitzen nicht direkt erfunden hat, erst 33 ist: schon angegraut und licht das Haar. Als Musical-Regisseur an der Kreismusikschule, Projekt- und Produktionsleiter bei der Bühne Wittenberg und Vereinsvorsitzender vom Behindertenverband der Stadt lebt er auf der Überholspur. Da kommt dann sogar Luna ein therapeutischer Auftrag zu, denn als Wiesner sich vor einigen Jahren die Hündin zulegte, erfüllte er sich nicht nur einen Wunsch aus Kindertagen. "Luna soll meinem Leben auch etwas mehr Struktur geben", gesteht er: "Ich will ja nicht schon mit 35 den ersten Herzkasper haben."
Wiesner ist ein waschechter Wittenberger, und er lebt gern in der Luthers Stadt. Als es andere seines Jahrgangs fortzog, blieb er hier. Wo manche meinten, das Glück kann nur in der Ferne liegen, kehrte er zurück und sucht es vor der Tür. Und wenn viele tönen: In Wittenberg ist doch nichts los! - fasst Wiesner sich an den Kopf - hallo?!: "Hier kann man jeden Tag was unternehmen von März bis November." Aber abends, da sind oft wenig Menschen draußen, stimmt's? Klar, ruft Wiesner: "Das liegt daran, dass die Leute auf irgendeiner Veranstaltung sind - es gibt nun mal nur eine bestimmte Menge Menschen in der Stadt." Wiesner ist auch ein Optimist.
Gelernt hat er übrigens Friseur, später trat er in die Fußstapfen seiner Mutter und ließ sich zum Erzieher ausbilden. In Berlin und Wittenberg machte er erste Bekanntschaft mit Regisseuren wie Fernando Scarpa und Peter Ries, die beide jahrelang Luthertheater an der Elbe inszenierten. Sie sind längst weg und Wiesner ist der lachende Dritte: "Ich habe beide überlebt." Sicher, er ist an ihnen gewachsen, hat sich vom Hiwi zum Assistenten hochgearbeitet und ist heute für Wittenbergs obersten Kulturmanager Johannes Winkelmann ein verlässlicher Partner. Auch wenn der schon mal sagt: "Silvio ist ein Schlumich", was einen liebenswerten, aber chaotischen Menschen bezeichnet.
Chaos herrscht auch in Wiesners Büro. Die mit Papierstapeln zugestopfte Butze gilt als Head-Quartier der Bühne Wittenberg, von wo aus nicht nur das Sommertheater organisiert wird. Auch eine der größten kulturellen Herausforderungen für die Lutherdekade zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum 2017 liegt hier auf dem Tisch: das Theaterstück Lutherschach. Dagegen war die kürzlich von Wiesner inszenierte Ankunft des Mönches Martin Luther ein Spaziergang.
Lutherschach übertrifft alles bisher Dagewesene, weil eigens für diese Produktion das Londoner Globe Theatre nachgebaut werden soll. "Die Bretter, die wir da politisch bohren, sind mehr als dick", sagt Wiesners Boss Winkelmann. Bis heute gilt die Finanzierung des Bauvorhabens als nicht gesichert. Doch Wiesner sitzt hinter seinem Schreibtisch, nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und erklärt siegesgewiss: "Es kommt." Das Globe, das Stück, wer wollte daran zweifeln?!
Dass Wiesner so zuversichtlich ist, begründet er selbst unter anderem mit der Unterstützung, die ihm seine Eltern stets gewährt haben. Streng waren sie, den Abgang von der Schule mit 17, noch vor dem Abitur, schluckten sie gleichwohl. "Mach was du willst, nur auf der Straße sitzt du nicht", zitiert Wiesner seine Mutter, von der er sagt, dass ohne sie "nichts geht".
Zu behaupten, ohne ihn ginge beim Behindertenverband nichts, wäre vermutlich übertrieben. Doch würde Wiesner nicht auch diese Baustelle pflegen (erstmals betrat er sie als Zivildienstleistender), wäre gerade die Kinder- und Jugendarbeit um einiges ärmer. Er hat eine Musikgruppe ins Leben gerufen und begleitet die Jugendlichen zu Ferienfreizeiten. "Sie erden mich", sagt er über die Gehandicapten. Er schätzt an ihnen "ihre Ehrlichkeit". Die erwartet er, bitteschön, auch von Freunden und wenn diese nicht aus der Theaterbranche kommen, umso besser.
Apropos Theater: Weil Silvio Wiesner ein entgegenkommender Mensch ist , hat er sich für den Pressefotografen dann doch noch einmal in Castra Diva verwandelt. Eine Stunde dauerte die Metamorphose, jeder Handgriff saß, die Wimpern hafteten gleich beim ersten Versuch, die Perücke war blitzfix gestylt, das Kleid atemberaubend. Wer weiß, vielleicht gibt er die Diva ja doch mal wieder.