MZ-Serie «Ein Pflege-Fall» MZ-Serie «Ein Pflege-Fall»: So schön wie zu Hause?
Halle (Saale)/MZ. - "Natürlich kann es nirgendwo so schön sein wie zu Hause. Manchmal zwingen einen die Umstände dazu, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. In diesem Fall ist es wichtig, dass man sich einen angenehmen und sicheren Ort sucht." Diese Zeilen sind auf der Internet-Seite des DRK-Pflegeheims "Käthe Kollwitz" zu lesen. Die Bewohner bestätigen sie.
Da ist zum Beispiel Rolf Friedrich. Er lebt erst seit etwa zwei Monaten im Altenheim. Er hat sich von zwei Schlaganfällen und einer Hirnblutung wieder relativ gut erholt. Aber er braucht Pflege. Als er noch allein in einer Wohnung lebte, ist seine Tochter dreimal am Tag vorbeigekommen. Doch diese Strapaze will er ihr jetzt nicht mehr zumuten - zumal sie sich auch noch um ihren kranken Mann kümmern muss. "Meine Tochter kam an ihre Grenzen. Das ging nicht mehr so weiter", sagt er. Und so habe er sich für ein Pflegeheim entschieden. Der Entschluss sei zuletzt gar nicht mehr schwer gefallen. "Natürlich", so fügt er hinzu, "möchte jeder in seiner vertrauten Umgebung bleiben. Aber wenn es zu Hause nicht mehr geht, muss man die Konsequenzen ziehen."
Auch bei Dorothea Pfau ging zu Hause nichts mehr. Die heute 77-Jährige kam vor einem Jahr in das Haus. Sie sei mit ihrem Haushalt nicht mehr zurecht gekommen und deshalb hätten sich ihre Söhne um den Platz im Pflegeheim gekümmert. "Ich bin ihnen sehr dankbar, dass das geklappt hat", sagt sie.
Gerhard Beck hatte sich sein Leben im Pflegeheim zunächst etwas anders vorgestellt. Der 79-Jährige wollte eigentlich ein Doppelzimmer mit seiner Lebensgefährtin beziehen. Die sei aber vor zwei Jahren gestorben. Nun wohnt er allein. "Ich habe mich daran gewöhnt und bin ganz zufrieden mit dem Aufenthalt", erzählt der schwer Herzkranke. Zufrieden. Dieses Wort fällt im Laufe des Gespräches immer wieder. Doch was heißt das? Im Pflegeheim ist niemand allein. Es gibt für die 108 Bewohner ein vielseitiges Angebot an Beschäftigungen.
Dorothea Pfau liebt zum Beispiel die Bastel-Stunden. "Das Basteln, das ist nicht so meine Welt", meint dagegen Rolf Friedrich. Er mag es handfester. "Stellen Sie mir ein kaputtes Auto hin und ich mache ein neues draus", sagt der Mann in Richtung der Heimleiterin. Diesen Wunsch kann Ilona Scharf ihm sicher nicht erfüllen. Doch vieles andere versuchen die 70 Mitarbeiter des Hauses möglich zu machen. Auch wenn das nicht immer leicht ist. Das Durchschnittsalter der Heimbewohner liegt bei etwa 90 Jahren. "Die Menschen kommen heute später ins Pflegeheim als noch vor einigen Jahren", sagt Ilona Scharf. Und sie räumt durchaus ein, dass das auch eine finanzielle Frage ist. "Früher kamen ältere Menschen zu uns, weil sie zu Hause nicht allein sein wollten." Damals habe auch der Tagesplan noch ganz anders ausgesehen - Ausflüge oder Tanzabende hätten regelmäßig darauf gestanden. Heute sei das kaum mehr möglich. Denn die meisten Menschen kämen schwer pflegebedürftig. Rasant gestiegen sei in den letzten Jahren auch die Anzahl der Heimbewohner die an Demenz leiden. Fast 80 Prozent seien es heute. Noch vor wenigen Jahren habe ihr Anteil höchstens 30 Prozent betragen. Zur Betreuung dieser Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf, wie es in der Fachsprache heißt, können seit der Reform der Pflegeversicherung zum 1. Juli 2008 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden. Fünf sind es mittlerweile im "Käthe-Kollwitz-Heim". Und sie haben gut zu tun. Sie sind für das übrige Personal eine Entlastung. "Doch", so sagt Sabine Ruff, die stellvertretende Pflegedienstleiterin, "wir haben trotzdem straff zu tun."
Mit dem Wandel der Bewohnerschaft im Pflegeheim hat sich auch die Pflege selbst etwas gewandelt. Die sogenannte Behandlungspflege - das Verabreichen von Medikamenten und Spritzen oder das Wechseln von Verbänden und vieles andere mehr - werde immer spezieller und nehme immer mehr Zeit in Anspruch, sagt Sabine Ruff. Von den Kassen wird diese Arbeit, die ausschließlich die Pflegefachkräfte erledigen dürfen, nur pauschal vergütet. "Der Preis dafür ist Inhalt des Heimentgeltes, was mit den Pflegekassen und der Sozialagentur ausgehandelt wird", sagt Rainer Kleibs, Geschäftsführer des DRK-Landesverbandes Sachsen-Anhalt. "Die Behandlungspflege hat aber inzwischen ein derart hohes Niveau, dass die Kosten darin wohl nicht mehr adäquat abgebildet werden", fährt er fort.
Hinzu kommt ein immenser bürokratischer Aufwand. Für jeden Bewohner gibt es einen Pflegeplan. Jede Tätigkeit muss dokumentiert werden. "Da ist sicher vieles berechtigt", sagt die stellvertretende Pflegedienstleiterin. Aber die Dokumentation nehme immer mehr Zeit in Anspruch, die für die Arbeit mit den Menschen fehle.
Liegt es an diesem Stress, dass man immer wieder von Heimen liest, in denen die Bewohner vernachlässigt werden? Sabine Ruff bringen derartige Berichte auf die Palme. Möglicherweise gebe es so etwas, sagt sie. Aber das seien Einzelfälle die dann für die ganze Branche verallgemeinert würden. "Die Pflegekräfte leiden unter diesen Nachrichten mehr als unter dem Arbeitsstress", betont sie.
Auch Ilona Scharf sagt, dass sich kein Pflegeheim, dass konkurrenzfähig bleiben möchte, so etwas leisten könne. Zudem verweist sie auf ständige Kontrollen - etwa durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung oder die Heimaufsicht.
Sind also im Käthe-Kollwitz-Heim alle Bewohner rundum glücklich und zufrieden? Soweit es in der Macht des Personals steht, sicher. Und doch bleibt ein Rest Sehnsucht nach dem früheren Leben. Gerhard Beck vermisst seinen Garten und seinen kleinen Yorkshire. "Der Hund war mein Ein und Alles", sagt er.
Rolf Friedrich hat 25 Jahre lang als Berufskraftfahrer gearbeitet, er war lange Zeit stellvertretender Leiter der Autobahnmeisterei Peißen. Dabei trug er die Verantwortung für viele Menschen. Dieses Draußensein unter Menschen vermisse er schon sehr. Aber auch seine Kinder, Enkel und Urenkel fehlen ihm. "Ich bin ein Familienmensch", sagt er. Jeden Tag komme ihn zwar jemand besuchen. Aber man merkt ihm an, dass das nicht das Gleiche ist, wie in der Familie zu leben.
Und doch geht es ihm da noch besser als Dorothea Pfau. Ihre Kinder seien im Beruf stark eingespannt und könnten sie deshalb nur selten besuchen, sagt die Frau verständnisvoll. Und doch habe sie Sehnsucht nach ihnen. "Besonders an den Feiertagen vermisse ich sie schon sehr."
Wie heißt es doch auf der Internetseite des Pflegeheimes: "Natürlich kann es nirgendwo so schön sein wie zu Hause."
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Rufen Sie an. Eine Pflegeberaterin der AOK Sachsen-Anhalt wird heute zwischen 10 und 13 Uhr am MZ-Telefon Ihre Fragen zu den Leistungen der Pflegeversicherung beantworten. Nummer: 0345 / 5654027