Fußball Fußball: Ein Idealist wird 70

SANGERHAUSEN/MZ - Hans Brachmann ist Realist. Und gleichermaßen Idealist. Nicht zuletzt deshalb sagt er wohl auch: „Schiedsrichter auf Kreisebene, das ist der pure Idealismus.“ Hans Brachmann ist aber auch und gerade weil er Realist und Idealist gleichermaßen ist, Fußball-Schiedsrichter. Und ein guter dazu. So ist es nicht wenig verwunderlich, dass zu den Gratulanten, die dem Sangerhäuser am Sonnabend zu seinen 70. Geburtstag gratulieren, garantiert zahlreiche Schiedsrichter, Fußballer und Vereins- sowie Verbandsfunktionäre gehören werden.
Wann er mit Pfeifen begann? Brachmann lacht, und sagt: „Es klingt wie ein Aprilscherz, ist aber keiner. Am 1. April 1978 habe ich mein erstes Spiel gepfiffen. Das war die Partie Edersleben II gegen die KSG Holdenstedt/Beyernaumburg II.“
35 Jahre war Brachmann damals, und hatte schon zahlreiche Spiele als Aktiver „auf dem Buckel.“ Als Spieler kickte er für Emseloh und später Anhalt Sangerhausen. „Er war Mittelfeldspieler, später dann Libero. „Ich war kein knochenharter Spieler, aber konsequent.“
Hätte der Spieler Brachmann mit dem Schiedsrichter Brachmann Probleme bekommen? Die Antwort kommt prompt. „Ich glaube nicht. Ich hatte nie Probleme mit einem Schiedsrichter und wurde nie vom Platz gestellt. “
Apropos Platzverweise. Wieviel Spieler Hans Brachmann in seiner Laufbahn als Schiedsrichter vorzeitig vom Feld geschickt hat? Die Antwort auf diese Frage bleibt aus. Brachmann ist, im Gegensatz zu anderen Unparteiischen, kein Statistik-Freak. Er sagt von sich: „Mehr als tausend Spiele hab ich garantiert gepfiffen.“ Aber an eine Saison kann er sich dennoch erinnern. Anfang der 80er Jahre war das. „Da hab ich mal in einer Saison gleich 15 rote Karten gezeigt. Da haben sie mich den roten Hans genannt“, lacht er beim Rückblick. Und fügt hinzu: „Das hat sich herumgesprochen. Danach war Ruhe.“
Die Schnellste übrigens zückte er einmal in Breitungen, beim Harzderby gegen Hayn. „Nach einem richtig derben Foul war da schon nach vier Minuten für einen Spieler Schluss.“
Das mit der Vielzahl an roten Karten war aber die Ausnahme. Viel lieber erzählt Hans Brachmann, dass im Lauf der Zeit viele Freundschaften entstanden sind. „Ich bin eigentlich als Schiedsrichter anerkannt und immer gern gesehen.“
Lange Jahre bildete Hans Brachmann gemeinsam mit Erhard Kurtze und Hans Holley ein Trio, das auf den Plätzen der Landesklasse-Vertretungen „zu Hause“ war. „Wir waren ein richtig gutes, eingespieltes Team und haben uns ohne große Worte verstanden. Die Mannschaften haben uns gekannt und wir die Spieler. Die haben gewusst, wie weit sie gehen können“ erinnert er sich an das Jahrzehnt, in dem er und seine beiden Mitstreiter Woche für Woche in Sachen Fußball-Landesklasse auf Touren waren.“ Manchmal auch in der Harzregion. „Da sind wir mal hier rausgekommen“, sagt er.
Und dann fällt ihm doch noch ein besonderes Spiel ein. „Das war bei Gröbzig gegen Gernrode. Da hab ich vier knallrote Karten gezeigt. Nach dem Abpfiff wollten die Spieler noch aufeinander los. Da haben wir uns dann aber doch ziemlich schnell verdrückt. Aber das war doch die große Ausnahme“, so sein Blick zurück. In Lüttchendorf oder bei Aufbau Eisleben war das Trio da schon lieber, kein Wunder, war es doch hier in steter Regelmäßigkeit und Spieler und Fans keine Unbekannten mehr. Mittlerweile sind die „Landesklasse-Zeiten“, altersbedingt, für den Schiedsrichter Hans Brachmann Geschichte. Als Assistent ist er dagegen regelmäßig noch dabei. Seine „Pfeife“ ertönt jetzt vorrangig bei Spielen auf Kreisebene. Bei Kreisligisten oder Kreisklasse-Spitzenspielen, auch bei Partien der Frauen-Fußballerinnen, ist Hans Brachmann im Einsatz. Dabei drückt er schon mal das ein oder andere Auge zu. Nicht aus übertriebener Großzügigkeit, sondern vielmehr aus der Erkenntnis heraus, „dass hier bei einigen Aktionen keine Absicht vorliegt. Manche Spieler sind einfach übermotiviert. Dann reichen auch mal ein paar beruhigende Worte. Und wer es dann immer noch nicht kapiert hat, der fliegt“, so sein alles in allem bewährtes Motto. Dabei versucht Hans Brachmann nach wie vor viel, um weiterhin für die Spiele gerüstet zu sein. Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit. „Jetzt im Winter bin ich ein-, zweimal beim Volleyball in der Sporthalle des ASV dabei. Oder ich stehe, wenn es richtig geschneit hat, auch mal auf den Skiern. Im Sommer fahre ich dann ziemlich viel Rad. Man muss schon etwas tun um richtig fit zu bleiben“, so Hans Brachmann, der übrigens in Verbundenheit zu seinem früheren verein immer noch für Eintracht Emseloh pfeift.
Apropos Pfeifen. Am Sonnabend bleiben Schiedsrichter-Dress und die anderen Utensilien im Schrank, schließlich soll der 70. Geburtstag reibungslos über die Bühne gehen. Am 2. März steht er beim Kreisoberliga-Duell zwischen Wacker Rottleberode und dem SV Welbsleben wieder an der Linie. Und einen Tag später pfeift Brachmann das Halbfinale im Fußball-Kreispokal der Frauen zwischen Fortuna Brücken und dem SSV Wolferode.
Eben, weil er ebenso Idealist, wie Realist ist.