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Landesregierung Landesregierung: «Hallo, ich bin Gitta Wolff»

Von HENDRIK KRANERT-RYDZY 30.06.2011, 18:48

MAGDEBURG/MZ. - Die Herren im Industrieklub der IHK Magdeburg tragen dunkle Anzüge - und vielfach auch graues Haar. Mehr als zwei Dutzend von ihnen warten auf den Ehrengast. Er, vielmehr sie, eilt, hoch gewachsen und im dunklen Hosenanzug, mit blondem, wehenden Haar auf das Podium. Birgitta Wolff ist an diesem Mittwoch genau 50 Tage Wirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt. Das haben die Herren ausgerechnet. Jetzt warten sie auf eine der üblichen "Ich-freue-mich-bei-Ihnen-zu-sein"-Reden. Sie werden enttäuscht.

Wolff hält sich nicht mit Floskeln auf. Sie hält einen knappen, gut strukturierten Vortrag über die schwierige Haushaltslage und die sich abzeichnenden Probleme bei der künftigen Förderung von Investitionen. "Ich habe die, glaube ich, ganz schön überrascht", sagt Wolff anschließend mit spitzbübischem Lächeln. Wolff weiß, dass sie anders ist, als viele ihrer Kollegen. Und sie genießt das sichtlich. Aber schon die Karriere der 45-Jährigen ist anders. Sie hat nie auf eine politische, sondern immer auf eine universitäre Laufbahn hin gearbeitet. Geboren als eines von vier Kindern in einer Unternehmer-Familie im Münsterland hätte Wolff eigentlich Junior-Chefin werden sollen. Wollen wollte sie das nicht. Statt Betriebswirtschaft zu studieren, macht sie nach dem Abitur erst einmal eine Bankerlehre. Und studiert dann doch: Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. Nicht irgendwo, sondern an Deutschlands erster Privat-Uni in Witten-Herdecke. Wolff geht erst nach Australien (als Bankerin), dann nach Harvard und München, wo sie habilitiert, und schließlich als Uni-Professorin in die USA. Sie ist gerade 35, als sie nach Deutschland zurückkehrt und den Rufen namhafter Unis widersteht - um in Magdeburg den Lehrstuhl für Internationales Management anzunehmen.

CDU-Eintritt als Formalie

"Weil man hier noch gestalten kann", hat Wolff ihre damalige Entscheidung mal begründet. Und weil Oper und Theater quasi direkt vor dem Campus liegen. Im zehnten Jahr an der Elbe klingelt dann Ende April 2010 das Telefon und der damalige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) fragte die damals 44-Jährige, ob sie nicht Kultusministerin werden wolle. Wolff wollte - und sorgt seitdem für einigen Wirbel in der Landespolitik. Nicht nur, weil sie zuvor noch schnell in die CDU eintritt. Es ist mehr eine Formalie, denn ein Bekenntnis. Wolff ist unkonventionell - verglichen mit dem üblichen Politikbetrieb. Das kommt an, weil man anderes gewöhnt ist. Im Gegenzug werfen ihr Kritiker gern vor, zu unpolitisch zu sein.

Das offenbart sich erstmals kurz nach ihrem Amtsantritt, als die Theatergängerin die Petition zum Erhalt des Thalia-Jugendtheaters in Halle unterschreibt, obwohl sie Chefin jenes Ministeriums ist, welches den Fortbestand des Theaters hätte sichern können. Böhmer verhängt daraufhin im Kabinett die Höchststrafe: Dass man so etwas als Minister nicht mache, könne sie nicht wissen, sie sei ja noch nicht so lange dabei. Wolff freilich kümmert solche Kritik wenig.

Sie kontert mit Sätzen wie: "Der Diskurs in der Wissenschaft ist ein anderer als in der Politik. In der Wissenschaft ist man nur auf der Suche nach der Wahrheit." Und Wolff macht klar, dass sie mit bestimmten Routinen in der Politik nicht leben mag: "Das Argument, das kann man dem Wähler nicht zumuten, ist falsch. Ich halte das für extrem arrogant." Dennoch fuchst sie sich in den Politikbetrieb ein - ständig wechselnde Themen sind ihr als Hochschullehrerin vertraut. Dem Uni-Betrieb trauert Wolff dennoch bis heute ein wenig nach. Vor allem vermisst sie den Kontakt zu ihren "Studis", wie sie Studenten liebevoll nennt. Wolff, selbst ledig und kinderlos, bekennt, gelegentlich mütterliche Instinkte gegenüber den Studierenden zu entwickeln. Bei China-Reisen etwa, wenn sie nach kurzen Nächten der gesamten Reisegruppe kiloweise ins Land geschmuggelten Filterkaffee servierte. Doch ein Bier bei Campusfeiern zapfen, schafft sie kaum noch, es fehlt an Zeit. Nur am Sonntag kommt sie noch dazu, mit Stute Wallerie außerhalb Magdeburgs auszureiten.

Nahtloser Wechsel

Wolffs Job als Kultusministerin gilt von Anfang an nur als Zwischenstation - angesichts ihrer Vita würde das Wirtschafts- und Wissenschafts-Ressort viel besser zu ihr passen. Nach der Landtagswahl kommt der wenig überraschende Wechsel. Er glückt ihr nahtlos. Selbst wenn sie sagt, dass sie gern Kultusministerin geblieben wäre. Wolff schafft es, dem Koalitionspartner SPD die Wissenschaft aus dem Kultusressort zu entreißen. Spätestens jetzt ist klar, dass sie alles andere ist als ein politisches Ziehkind ohne eigene Meinung.

Wolff agiert geschickt bei schwierigen Verhandlungen - vor allem mit dem Finanzminister. "Ganz friedlich" seien die Gespräche mit dem als gern aufbrausend beschriebenen Jens Bullerjahn (SPD) gelaufen. Wolff gilt als neuer Star im Kabinett. Sie bringt Glanz in die Regierung, aber keinen PR-Glanz, wie ihr Vorgänger im Kultusministerium, - sondern Glanz mit Substanz. Dabei ist sie ausgesprochen unprätentiös. "Hallo, ich bin Gitta Wolff", stellt sie sich gern vor. Sie ist integrativ, sie ist beliebt. Nicht nur im Kabinett, auch in ihrem Ministerium. "Wolff denkt nicht hierarchisch, sondern strukturell und problemorientiert", sagt ein Mitarbeiter. Man schätze ihre unaufgeregte Arbeitsweise, die sie meistens an den Tag legt: "Sie kann aber auch anders - und höllisch ungeduldig werden."

Wolff weiß, dass sie immer noch auch von Vorschusslorbeeren zehren kann. In kleiner Runde räumt sie ein: "Wir sind in Phase eins, da ist man total beliebt." Sie erwartet jetzt Phase zwei - "da ist man total verhasst". Wenn sie die übersteht, und es spricht einiges dafür, kann sie sich auf Phase drei freuen: "Da ist man abgeklärt."