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Historiker Historiker: Die Wahrheit suchen

Von CHRISTIAN EGER 14.09.2011, 18:31

Halle (Saale)/MZ. - Der 37-jährige Professor für Osteuropäische Geschichte verliert alles: seinen Lehrstuhl, die akademische Öffentlichkeit, recht eigentlich seine bürgerliche Existenz. Die bürokratische Regelung der Kaltstellung zieht sich noch bis ins Jahr 1962 hin. Dann ist es vollbracht: entschädigungslose Entlassung, faktisches Berufsverbot.

Warum? Der in Halle geborene und studierte Historiker hatte von 1947 an erst das Universitätsinstitut für Osteuropäische Geschichte in Halle, dann an der Humboldt-Universität in Berlin aufgebaut. Eine Passion, die nichts zu tun hatte mit den innen- und außenpolitischen Konstellationen der Zeit. 1954 wurde Osteuropäische Geschichte in der DDR zum Pflichtfach für Historiker und Slawisten bestimmt. Aber für Mühlpfordt war dieses Fach keine Pflicht. Statt den ideologischen Bückling zu leisten und die Forschung tagespolitisch in Stellung zu bringen, wollte er "Brücken schlagen" zu den "westdeutschen Wissenschaftlern". Dass er gegen die SED-"Parteilichkeit" das wissenschaftliche Ethos verteidigte - sein Motto: "Nur die Wahrheit suchen" (Vitam impendere vero) -, brachte dem Historiker den Vorwurf von 16 "Ismen" ein: vom "Objektivismus" bis hin zum "Sozialdemokratismus".

Insgesamt 32 Jahre währte die Ausgrenzung Mühlpfordts aus der akademischen Gesellschaft. Mehr als drei Jahrzehnte, in denen sich der hallesche Fabrikantensohn bis 1983 als stellungsloser Privatgelehrter durchschlug, was nur möglich war, weil er mietfrei in seinem Elternhaus wohnte. Nach Ulbrichts Sturz 1972 konnte er einzelne Vorträge halten; 1979 erschien im Union-Verlag das Buch "Ketzerschicksale. Christliche Denker".

Ein Berufsverbot also, das es offiziell nicht geben durfte, verhängt in einem Staat, der seine Bürger gern propagandistisch mit Hinweisen auf westdeutsche Berufsverbote erbaute. 72 Jahre alt war Günter Mühlpfordt, als er 1990 rehabilitiert wurde: 72 Jahre! Einen Anschluss an das Leben, das ihm 1958 genommen wurde, konnte es nicht mehr geben, aber doch eine Rückkehr in die akademische, nun nicht mehr nur ostdeutsche Öffentlichkeit. Obwohl auch das nicht ohne Schwierigkeiten bleibt: Denn nichts lässt sich nachholen, nichts korrigieren. Vielen Zeitgenossen gilt dieser Historiker längst selbst als ein beispielloser historischer "Fall". Das ist insofern eine Verkürzung, als Mühlpfordt als Gelehrter über die Jahrzehnte seiner Aussperrung hinweg weiterforschte - und das bis auf den heutigen Tag. Die Nach-89er Veröffentlichungen des Aufklärungs-Historikers sind Legion, in Gestalt und Gehalt stets von beeindruckender - und leserfreundlicher! - Schlüssigkeit.

Dieser Tage erschien in Halle ein erster Band mit Aufsätzen zur "Halle-Leipziger Aufklärung": ein fest gefügtes Ganzes, das man wie eine Monografie lesen kann. Verfasst von einem Forscher, der seine für die Öffentlichkeit verlorenen Jahre nicht verloren gibt. Am kommenden Montag wird er mit einem Festcolloquium in Halle geehrt: auch aus Anlass seines 90. Geburtstages, den Günter Mühlpfordt im Juli dieses Jahres feierte.

Colloquium zu Ehren von Günter Mühlpfordt im Bibliothekssaal des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle: 19. September, 17 Uhr. Vorträge halten Andreas Ranft, Georg Schmidt und Holger Zaunstöck