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Freizeitbeschäftigung Freizeitbeschäftigung: Stricken ist das neue Yoga

Von Sandra Cantzler 04.03.2008, 10:35

Hamburg/dpa. - Und in immer mehr Städten treffen sich die Anhänger regelmäßig in Cafés oder Kneipen, um gemeinsam öffentlich an Schals, Mützen oder Topflappen zu arbeiten. Jahrelang als spießiges Hausfrauen-Hobby verpönt, feiert Stricken derzeit ein Comeback als hippe Freizeitbeschäftigung. «Needle Working» wird der Umgang mit Nadeln und Wolle jetzt genannt, und Stricken wird als «das neue Yoga» gefeiert.

Der Weg aus der Öko-Ecke in die schicken Läden der Szene-Viertel war weit. Aber die Mode als Trend-Beschleuniger hat ihn bereitet: Pullover, Jacken, Schals und Mützen aus Strick spielen bei fast allen Designern wieder eine wichtige Rolle, und das animiert zum Nachmachen. Gleichzeitig steht die selbst gestrickte Stola aus Kaschmirwolle für Authentizität.

Und genau nach der sehnten sich viele Menschen in einer immer schneller und digitaler werdenden Welt, sagt Oliver Leisse vom Trendforschungsinstitut «Ears and Eyes» in Hamburg. Stricken, Häkeln und Co. stehen für den Luxus, sich noch die Langsamkeit des analogen Lebens leisten zu können. Nicht zu vergessen sei der meditative Aspekt: «Versunken in ein mantra-artiges Stricknadel-Geklacker - so schalten wir endlich einmal ab.»

«Es ist ein Ausgleich zu den Büro-Jobs am Computer», das sieht die Trendforscherin Claudia Herke aus Frankfurt/Main als einen Grund. «Es gibt einem Bestätigung, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben.» Und wurde früher auch gestrickt, um Geld zu sparen, liegt heute die Motivation vor allem im Abheben von der Masse. «Selbst gemachte Sachen sind individuell. Man bekommt sie einfach nicht in jedem Laden.»

«Das Handgemachte hat sich neu etabliert», bestätigt Sigrid Henning, die in Berlin den Wollladen «Loops» betreibt. «Es gilt nicht mehr als piefig und verpönt, sondern hat wieder einen Stellenwert.» Bei aller Begeisterung für Handarbeiten: Allzu selbst gemacht soll es auch wieder nicht aussehen, sagt Angela Probst-Bajak vom Branchenverband Initiative Handarbeit in Karlsruhe.

Etwa 780 Millionen Euro werden laut der Brancheninitiative in Deutschland pro Jahr für Handarbeitsmaterialien ausgegeben. Etwa 30 Prozent davon entfallen auf Handstrickgarne. Nachdem es über Jahre bergab ging und viele Fachgeschäfte schließen mussten, werden jetzt sogar wieder neue Läden eröffnet - die natürlich um einiges schicker als ihre Vorläufer sind. Sie sind häufig schon von ihren Betreibern als Treffpunkte ausgelegt. Denn obwohl viele gerade die meditative Wirkung der klappernden Stricknadeln lieben, scheint auf der anderen Seite der Austausch mit Gleichgesinnten immer wichtiger zu werden.

Diesen Eindruck vermittelt auch ein Blick ins Internet, wo etliche Strickbegeisterte in einschlägigen Foren sämtliche Fragen rund ums Handarbeiten ausgiebig diskutieren - und sich zu Strickkränzchen verabreden. Außerdem finden sich im Netz zahlreiche Anleitungen. Sie sind modisch oft eher auf dem aktuellen Stand als die Modelle in Strickheften und -büchern.