Ursachenforschung Ursachenforschung: Wenn Böschungen rutschen
NACHTERSTEDT/MZ. - Bis es eine endgültige Antwort gibt, werden Gutachter noch viel zu tun haben. Einig sind sich die Bergbau-Experten nur in der Frage, dass es der Regen wohl nicht gewesen sein kann. "Die Böschungen sind bis auf wenige Stellen trocken", erklären der Sprecher des Braunkohlesanierers LMBV, Uwe Steinhuber, und der Dezernatsleiter Altbergbau beim Landesamt für Geologie und Bergwesen in Sachsen-Anhalt, Gerhard Jost, übereinstimmend.
Unterschiedliche Auffassungen
Bei der Frage nach dem Altbergbau gehen die Meinungen hingegen auseinander: LMBV-Mann Steinhuber verweist nachdrücklich auf die zahlreichen unterirdischen Gänge, die das Nachterstedter Braunkohleflöz durchziehen. "Nicht alles ist in den Karten verzeichnet, unsere Altvorderen haben auch Raubbergbau betrieben." Anwohner wollen in der Nacht vor dem Unglück laute Geräusche wie das Knallen von Silvesterböllern gehört haben, was den Verdacht eines Gebirgsschlags nährte - den Einsturz großer Hohlräume. Charakteristisch sind solche Ereignisse jedoch vor allem für den Salz-, nicht für den Braunkohlebergbau. Allerdings gab es nur wenige hundert Meter von der jetzigen Unglücksstelle entfernt immer wieder Probleme mit alten Gruben: In den 1990er Jahren musste die Straße zwischen Nachterstedt und Frose sowie die angrenzende Bahnstrecke Halle-Halberstadt wegen Senkungserscheinungen zeitweise gesperrt werden. Mehrfach wurde Hohlräume verfüllt. Doch Altbergbau-Experte Jost sieht keinen Zusammenhang zur jüngsten Katastrophe.
"Es gibt im abgerutschten Bereich zwar kleine Teilbereiche mit Strecken, doch die wurden angebohrt und verfüllt", so Jost. Sollte es weitere Hohlräume gegeben haben, dürften die mit Wasser gefüllt sein, was einen Einsturz dämpfen würde. Zwar gebe es immer wieder Fälle, in denen einstürzende Grubenbaue zu Tagesbrüchen führten, doch deren Dimension sei weitaus bescheidener als im aktuellen Fall. Jost vermutet daher ein Zusammenspiel von in tieferen Schichten strömendem Wasser und geologischen Besonderheiten als nahe liegendere Ursache. "Wahrscheinlich scheint derzeit eine Kombination aus Setzungsfließen und Böschungsabbruch." Beim Setzungsfließen zerstört Wasser die Kornstruktur von festem Material, so dass dieses flüssig wird wie die Sandburg am Strand.
Typische Erscheinung
In der Folge könnte dann die Böschung der Grube nachgegeben haben. Setzungsfließen sind gerade für den mitteldeutschen Braunkohle-Tagebau typisch, weil es hier geologische Schichten gibt, die zum Fließen neigen. Hinzu komme die großporige Struktur der künstlich angelegten Böschung, so Jost. "So etwas kommt immer wieder vor, auch in größeren Ausmaßen", sagt auch LBMV-Sprecher Steinhuber. Allerdings ohne dramatische Folgen, weil es - anders als in Nachterstedt - keine Wohnbebauung in unmittelbarer Nachbarschaft gebe.