Kommunalpolitik Kommunalpolitik : Das Ende der Globig-Dekade

Güsten - Um die zehn Jahre voll zu machen, hat es nicht ganz gereicht. Am 1. Februar 2007 hatte Steffen Globig seinen Job als Leiter der Verwaltungsgemeinschaft Saale-Wipper im Güstener Rathaus angetreten, das ab 2010 für weitere sieben Jahre seine berufliche Heimat war - als Bürgermeister der neugegründeten Verbandsgemeinde.
Am Donnerstag hat der 43-Jährige die Büroschlüssel an seinen Stellvertreter Conny Schiemann übergeben. Seit Freitag ist Jan Ochmann offiziell im Amt. „Ich wünsche meinem Nachfolger alles Gute. Er braucht sicher keine Ratschläge von mir“, sagt der Warmsdorfer, für den eine aufreibende Zeit zu Ende geht.
Ein Fehler war es, den falschen Leuten zu sehr vertraut und den richtigen Leuten misstraut zu haben.
Dieses Kapitel seines Berufslebens hatte Globig selbst zugeschlagen, als er sich im Sommer vergangenen Jahres kurzfristig entschied, doch nicht mehr für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Denn, so seine Begründung des Verzichts, er glaubt nicht an die Zukunft des Verbandsgemeinde-Modells.
„Es ist teuer und aufwendig. Das komplizierte Geflecht aus Eigentum und Kompetenzen wird von den Menschen nicht verstanden.“ 120 Rats- und Ausschusssitzungen pro Jahr für ein Gebiet mit knapp 11.000 Einwohnern halte er für unangemessen. Sicherlich könne er verstehen, dass jede Gemeinde ihre eigenen Interessen innerhalb dieses Gebildes vertritt.
„Doch droht man damit, den Blick fürs Ganze zu verlieren.“ Auf Dauer werde die Verbandsgemeinde mit der Entwicklung einer Einheitsgemeinde nicht mithalten können, ist er überzeugt.
Per Losentscheid ins Amt gehievt
In dieser Einschätzung dürften die jahrelangen Querelen, die oft genug auch die Schlagzeilen in der MZ bestimmten, eine Rolle gespielt haben. Globig sieht die Ursache darin nicht nur in seiner Person. Knatsch zwischen den Gemeinden habe es schon gegeben, bevor er 2007 seine Stelle als Verwaltungsleiter antrat.
Sein Vorgänger Joachim Rosenthal sei aus dem Amt geschoben worden - bis die vakante Stelle wieder besetzt war, hatten mehrere Gerichte zu entscheiden. Dass der gebürtige Ascherslebener ins Amt kam, hatte er letztlich Losglück zu verdanken. Von acht Bewerbern waren er und Michael Konrad übrig geblieben, nach einer Kampfabstimmung im Gemeinschaftsausschuss hatte jeder Kandidat fünf Stimmen. Das Los entschied für Globig.
Glücklich wurde er in seinem Amt in den folgenden Jahren nicht wirklich, wenngleich er sich gern an schöne Momente zurückerinnert wie den Neubau der Kindertagesstätte in Güsten, die Erweiterung der Grundschule in Alsleben und die Wiedereröffnung des dortigen Freibades nach der Hochwasser-Katastrophe.
„Diese Erfolge haben viele Väter, die Bürgermeister vor Ort, meine Mitarbeiter in der Verwaltung“, schlägt er im Rückblick bewusst versöhnliche Töne an.
Gutes Verhältnis zu Mitarbeitern
Er habe versucht, ein gerechter Chef zu sein, wollte mit jedem klarkommen. Auch wenn dies nicht immer gelungen sei, würde er sein Verhältnis zu den 32 Beschäftigten und zwei Auszubildenden im Rathaus alles in allem als gut beschreiben.
Am Mittwoch verabschiedete sich der Verwaltungsleiter von seiner Belegschaft in großer Runde, dabei sei noch die eine oder andere gemeinsam erlebte Anekdote erzählt worden.
Auseinandersetzungen mit anderen Bürgermeistern
Die Auseinandersetzungen mit den Mitgliedsgemeinden, insbesondere den Bürgermeistern Peter Rietsch in Giersleben und Helmut Zander in Güsten, waren derweil immer offener zu Tage getreten.
Erst recht, nachdem Globig im November 2009 die Wahl zum Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde mit 50,7 Prozent der Stimmen schon im ersten Wahlgang gewann und damit Helmut Zander sowie Roland Halang und Tobias Pochanke hinter sich ließ. Der 43-Jährige will sich von einer gewissen Mitschuld nicht freisprechen.
„Ich habe grundsätzlich nicht alles richtig gemacht, diesen Anspruch kann ich nicht erheben“, gibt er sich selbstkritisch. „Ein Fehler war es, den falschen Leuten zu sehr vertraut und den richtigen Leuten misstraut zu haben.“ Namen will er nicht nennen, mit dem Kapitel als Saale-Wipper-Bürgermeister habe er abgeschlossen.
Zwischenmenschliche Verhältnis belastet Amtsführung
Das zwischenmenschliche Verhältnis mit den Vertretern der Mitgliedskommunen belastete sicherlich seine nicht geradlinige Amtsführung. „Ich habe es immer gut gemeint, versuchte die Wogen zu glätten.
Manche sagen, ich hätte konsequenter sein sollen. Andererseits beklagten sich die Bürgermeister, dass ich sie nicht ausreichend mitgenommen habe“, fühlte sich Globig oft zwischen allen Stühlen sitzend. Hier der Verwaltungsleiter, der darauf acht gab, dass alle Abläufe sich an Recht und Gesetz orientieren, um sich selbst nicht angreifbar zu machen.
Dort hemdsärmlig agierende Bürgermeister in den Gemeinden, die so unbürokratisch wie möglich agierten - eine schwierige Konstellation.
Ausspäh-Affäre belastet
Die Querelen gipfelten schließlich in der Ausspäh-Affäre, die im August 2012 die unberechtigte Suspendierung Globigs, ein Hausverbot und die Beschlagnahmung seines Dienstcomputers nach sich zog.
Die Vorwürfe, der Warmsdorfer habe das Mobiltelefon des damaligen Gierslebener Bürgermeisters Benno Rietsch ausspioniert, lösten sich später in Luft auf. Nicht aber die Kosten, die das illegale Vorgehen des Verbandsgemeinderates nach sich zog. Dessen Vorsitzender Harald Lütkemeier sowie Helmut Zander und Peter Rietsch kamen mit einer Geldstrafe von jeweils 1.000 Euro noch halbwegs glimpflich aus der Sache heraus.
Von den 20.000 Euro Kosten, die der Streit heraufbeschworen hatte, musste die Verbandsgemeinde schließlich 9.000 Euro Steuergelder bezahlen. Die Rechnung der mit der Datensicherung beauftragten Computerfirma war laut Globig verjährt, mit einem Anwalt sei ein Vergleich geschlossen worden.
Ich habe das Ohr am Bürger. Im Bundestag habe sich viele Abgeordnete eingerichtet und sind weit weg von der Realität.
Der Saale-Wipper-Bürgermeister ging aus Sieger aus dieser Schlacht hervor, doch der Königsmörder lauerte schon. Vor sieben Jahren noch als Parteiloser angetreten, hatte Globig zwischenzeitlich in der SPD seine politische Heimat gefunden.
Globig wurde nicht nominiert
Im Oktober 2014 trat er in die Partei ein. Doch die Genossen des Güstener Ortsvereins hatten andere Pläne. Statt Globig, der aufgrund seines Amtsbonus’ sicher Favorit auf eine Wiederwahl gewesen wäre, nominierten sie ihren Kreisvorsitzenden Seluan Al-Chakmakchi.
Bei den Sozialdemokraten entbrannte ein heftiger innerparteilicher Streit. Al-Chakmakchi verlor nicht nur seinen Posten, sondern war auch bei der Wahl im September 2016 chancenlos. Seiner Partei hat Globig, der auch als Einzelkandidat hätte antreten können, diese Ausbootung nicht angekreidet. Auch deshalb hat er sich bewogen gefühlt, für die SPD um das Direktmandat für den Bundestag im Wahlkreis Anhalt zu kämpfen.
Die Nominierungsversammlung in Köthen endete mit einem - wohl auch für ihn - überraschenden Ergebnis. Weniger unerwartet war, dass er das Vertrauen erhielt, schließlich gab es keinen Mitbewerber. Überraschend deshalb, weil er in geheimer Wahl einstimmig gewählt wurde.
Chancen, sich auch im September dieses Jahres durchzusetzen, sieht er durchaus. „Sonst wäre ich nicht angetreten.“ Gleichwohl weiß Globig darum, welch schwierigen Stand die Sozialdemokraten derzeit beim Wähler haben. Er sähe sich als Bereicherung für das politische Berlin: „Ich habe das Ohr am Bürger. Im Bundestag habe sich viele Abgeordnete eingerichtet und sind weit weg von der Realität“.
Bundestag nicht die einzige Option
Seine berufliche Zukunft will der 43-Jährige indes nicht von einem Erfolg beim Urnengang im Herbst abhängig machen. Er habe aktuell mehrere Optionen, um wieder berufstätig zu werden. Ganz sicher werde er einen neuen Job in den nächsten Monaten antreten und jetzt zunächst erstmal Zeit für andere Dinge finden.
„Ich werde mich mehr beim Güstener Karnevalsverein und beim Heimatverein einbringen“, kündigt der Betriebswirt an. Und seiner Frau, die als Soziallotsin tätig ist, wollte er bei der Betreuung von Flüchtlingsfamilien unter die Arme greifen. Was er an seinem alten Job vermissen wird? „Die Freude an der Mitgestaltung, zu sehen, wie etwas Neues in einem Ort entsteht.“
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Steffen Globig ist in Aschersleben geboren und in Warmsdorf aufgewachsen. Er machte bei der AOK eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten und arbeitete bei der Krankenkasse in Niedersachsen. Berufsbegleitend absolvierte der heute 43-Jährige berufsbegleitend ein dreijähriges Studium zum Betriebswirt.
Ehe er die Leitung der Verwaltung in Güsten übernahm und dauerhaft in sein Heimatdorf zurückkehrte, war der verheiratete Vater von vierjährigen Zwillingen als selbstständiger Karrierecoach für Studenten im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP tätig. (mz)