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MZ-Serie "Lebensträume" - Teil 6 MZ-Serie "Lebensträume" - Teil 6: Leben in der neugotischen Kirche

30.08.2015, 17:47
An den Fenstern des Wohnzimmers erkennt man noch die Kirche. Die Spitzbogen-Form ist charakteristisch für gotische Gotteshäuser.
An den Fenstern des Wohnzimmers erkennt man noch die Kirche. Die Spitzbogen-Form ist charakteristisch für gotische Gotteshäuser. Andreas Stedtler Lizenz

Warmsleben - Die Antwort der Bausparkasse ist freundlich, aber bestimmt. „Wir müssen leider ihren Kreditantrag ablehnen“, steht in dem Schreiben an Klaus und Christina Gerner. Sie hatten um Geld für ein nicht ganz gewöhnliches Vorhaben gebeten. Seit 1990 sind sie im Besitz einer Kirche. Die wollen sie zu einem Mietshaus umfunktionieren. Für die Bausparkasse deutlich zu riskant. „Es handelt sich nicht um ein marktgängiges Objekt“, schreibt der Sachbearbeiter. „Die Instandsetzungskosten werden die Mieteinnahmen bei weitem übersteigen.“

Der Brief, den die Gerners 1993 erhalten, ist für das Ehepaar aus Warmsdorf (Salzlandkreis) ein Rückschlag. Aber nicht der erste. Marode Balken, teure Architekten, ausufernde Kostenvoranschläge. „Es gab einige Situationen, in denen wir es fast bereuten, diese Kirchen-Ruine am Hals zu haben“, sagt Christina Gerner. Den Wohntraum aufgeben - soweit kam es aber nie. Immer fand sich eine Lösung. Zumeist hieß die: Selber machen.

Dass das nicht die schlechteste Idee war, wird bei der Besichtigung des früheren Gotteshauses schnell klar. Schon von weitem kann man den rotbraunen Backsteinbau erkennen. Er liegt am Rand von Warmsdorf, einem verschlafenen Dörfchen, dass einst aber ein geschichtsträchtiger Ort war. Von hier aus brachte Fürst Georg III von Anhalt-Plötzkau im 16. Jahrhundert die Reformation in die Region. Vom damaligen Glanz ist allerdings wenig übrig. Das prunkvollen Wasserschloss, Georgs Herrschaftssitz, ist heute nur noch ein Steinhaufen. Vor diesem Schicksal konnte die Kirche des Ortes bewahrt werden. Gerners sei Dank.

Die beiden Besitzer empfangen in ihrer Wohnung. Die liegt im untersten von vier Geschossen - die beiden Turmzimmer nicht eingerechnet. Klaus Gerner ist 77 Jahre alt, seine Frau zehn Jahre jünger. Gerade sind sie von einer Weltreise zurückgekehrt. Singapur, Australien, Fidschi, Papua Neuguinea - die beiden sind fit geblieben, auch weil ihre Kirche sie fit gehalten hat.

Was in der Wohnung zuerst auffällt, sind die Fenster, deren Spitzbogenform charakteristisch für den gotischen Baustil der Kirche ist. Sie reichen vom Boden an die Decke. „Die sind fast sechs Meter hoch und noch so groß, wie früher“, sagt Klaus Gerner. Ansonsten sei nicht viel von der ursprünglichen Kirche übrig. Die wurde 1884 gebaut. Nicht einmal 100 Jahre war sie in Betrieb. „1974 hat man sie entweiht“, erzählt Gerner. Grund sei die geringe Gemeindemitgliederzahl in Warmsdorf gewesen.

Warum Familie Gerner ihre Kirche fast vollständig selbst renoviert hat, lesen Sie auf Seite 2.

Der historische Charme des Gemäuers konnte jedoch bewahrt werden – auch durch die Einrichtung. An das 21. Jahrhundert erinnert nur der Flachbildfernseher in der Ecke. Viele Möbel sind antik. Von der Decke hängt ein Kronleuchter. Und die vielen Glasarbeiten verbreiten ein sakrales Ambiente. Die mit Bildern verzierten Scheiben sind in Fenstern, Deckenlampen und Glas-Trennwänden verbaut. „Das meiste davon habe ich selber gemacht“, sagt Klaus Gerner. Notgedrungen, wie er anfügt. Denn solche Gläser herstellen zu lassen, sei viel zu teuer. Das notwendige Wissen las er sich an. „Ich habe sogar einen Ofen gebaut, in dem ich das Glas brennen kann.“

Es ist ein häufiges Muster bei den Gerners. Wenn es am Preis scheitert, machen sie es selber. Und dass das überhaupt möglich ist, liegt vor allem an Klaus Gerner. „Die Kirche ist sein Werk“, sagt seine Frau. Vom Zeichnen der Bauskizzen bis zum Anbringen der Schiefer-Ziegel auf dem Dach. Fast alles hat Klaus Gerner gemacht.

Für ihn eine Selbstverständlichkeit. Bereits zu DDR-Zeiten hat er davon gelebt, Lösungen für Probleme zu finden. „Damals gab es einen riesigen Mangel an Arbeitsgeräten“, sagt Gerner. Er habe sich daher darauf spezialisiert, Maschinen für Betriebe zu entwickeln – erst schwarz, später als einer der wenigen Menschen mit einem privaten Gewerbe. Gerner entwickelte etwa eine Abfüllanlage für Konserven, eine Vorrichtung mit der Türen furniert werden konnten und eine Bremse für Industrie-Kreissägen.

Gerner ist handwerklich ein Multitalent

Bei der Erfindung solcher Geräte halfen ihnen seine vielen Ausbildungen. Gerner hat acht verschiedene Berufe erlernt. „Geprüft und mit Urkunde“, wie er sagt. Er ist Dreher, Schweißer, Schlosser, Elektriker, studierter Ingenieur und vieles mehr.

Seine Kenntnisse halfen ihm auch bei der Kirche. Als er sie 1990 bekam, musste fast alles neu gemacht werden. Das Grundstück wurde ausgebaggert und mit Muttererde aufgefüllt. Das Dach bis auf die Balken abgerissen und wieder aufgebaut. Innen errichteten die Gerners Wände und Decken. „1997 sind wir dann in die unterste Etage eingezogen“, erzählen sie. Es hat noch Jahre gedauert, bis alles fertig war – und viel Geld. Die gesamten Baukosten belaufen sich auf 500 000 D-Mark. „Da sind die tausenden Stunden Eigenleistungen aber nicht drin“, sagt Klaus Gerner, der nach der Wende mit seiner Frau einen Handwerksbetrieb aufmachte.

Die ersten Jahre vermieten sie die drei Wohnungen, die sie in die oberen Etagen der Kirche gebaut hatten. „Als wir dann in Rente gegangen sind, wollten wir das nicht mehr“, sagt Klaus Gerner. Sie entschließen sich, eine Pension zu eröffnen. Seit acht Jahren kann man so in Warmsdorf in einer Kirche übernachten. Auch im Turmzimmer. Dort steht zudem eines der wenigen Überbleibsel des alten Kircheninventars: Die Turmuhr. Das Uhrwerk hat - wie sollte es anders sein - Klaus Gerner modernisiert. Es funktioniert und läutet sogar noch die Glocke, die auf ein Holzgestell gespannt auf dem Grundstück steht. Das war auch die einzige Bedingung der Kirche, als sie das Gebäude - kostenlos - an die Gerners übergab. „Als wir fertig waren, kamen auch Kirchenvertreter bei uns vorbei“, erzählt Klaus Gerner. „Die waren so begeistert, dass sie uns gleich noch eine entweihte Kirche geben wollten.“ Das aber lehnten beide dankend ab. Eine Kirche war dann doch genug.

In der nächsten Folge der MZ-Serie geht es um das restaurierte Bahnhofsgebäude in Globig.