Auf dem Weg zur deutschen Einheit Zeitenwende ohne Ende - Abschied vom „Fulda Cap“
Die letzten sechs Monate der DDR sind bewegt wie keine Zeit zuvor. Mit den Erwartungen wachsen auch die Sorgen.

Halle/Magdeburg/MZ. - Es ist ein wahres Trommelfeuer an Nachrichten, Neuigkeiten und jähen Wendungen, das im April vor 35 Jahren Tag für Tag auf die Bürgerinnen und Bürger der DDR einprasselt. Zwei Wochen nach der letzten Volkskammerwahl zeichnet sich ab, dass eine Koalition aus konservativen und sozialdemokratischen Parteien das Land möglichst schnell zu einer Wiedervereinigung mit dem westlichen Teil Deutschlands führen soll. Wie genau sich das aber vollziehen soll, darüber gehen die Vorstellungen weit auseinander: Konföderation? Beitritt? Anschluss oder gemeinsame Neugründung?
Streit um die Gestürzten
Kaum weniger zerstritten ist die DDR-Bevölkerung über den Umgang mit den gefallenen SED-Spitzen. Ein Teil der Politbüro-Funktionäre sitzt noch in Untersuchungshaft, andere sind aus gesundheitlichen Gründen wieder auf freiem Fuß. Mehr oder weniger obdachlos sind sie aber alle, weil die Politbürosiedlung Wandlitz geräumt worden ist. DDR-Chefplaner Gerhard Schürer hat eine Neubauwohnung bezogen, die kein anderer wollte. Ex-Stasi-Chef Erich Mielke lebt in einem Berliner Hochhaus.
Erich Honecker (hier der Bericht seiner Haushälterin Ulrike Heinke über den DDR-Staats- und Parteichef) indes muss mit seiner Frau Margot in die Hoffnungstaler Anstalten bei Bernau flüchten, weil niemand sonst bereit ist, den schwer an Krebs erkrankten ehemaligen Staats- und Regierungschef unterzubringen. Selbst ins Asyl im Haus von Pastor Uwe Holmer verfolgen Honecker Zorn und Wut seiner früheren Untertanen. Nach Monaten des Versteckspiels nimmt das Ehepaar schließlich das Angebot des Befehlshabers der Westgruppe der Sowjettruppen in Deutschland an und zieht ins sowjetische Militärhospital bei Beelitz um.
Das letzte Kapitel DDR, es rast im Eiltempo vorüber. In Halle wird Joachim Böhme, der langjährige SED-Bezirkschef, aus der Untersuchungshaft entlassen. In West-Berlin bekommt DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski im Tausch gegen umfassende Aussagen zum geheimen Imperium seiner Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) eine neue Identität und angeblich sogar Zugriff auf Teile des versteckten KoKo-Vermögens.
Die letzte Patrouille
Am 31. März führt eine Einheit des 11th Armored Calvary-Regiments die letzte Patrouille an Point Alpha durch, dem „heißesten Punkt im Kalten Krieg“ in der Rhön bei Bad Salzungen. Hier hatten die Nato-Strategen 40 Jahre lang den Angriff des Warschauer Paktes durch das „Fulda Gap“ erwartet. Jetzt wird die US-Fahne eingeholt und der Beobachtungspunkt geschlossen.
Kurze Zeit später konstituiert sich im Palast der Republik in Berlin die 10. und letzte Volkskammer. Parlamentspräsidentin wird die Eisenacher Ärztin Sabine Bergmann-Pohl, die ihren CDU-Parteifreund Lothar de Maizière mit der Regierungsbildung beauftragt. Eine Arbeitsgruppe, die der Runde Tisch im Dezember eingesetzt hatte, stellt am gleichen Tag einen Entwurf für eine neue Verfassung der DDR vor. Gebraucht wird er nicht mehr.