Schäferei bei Prettin Schäferei bei Prettin: Ring frei zur nächsten Runde

Mügeln - Der mobile Litzenzaun mit 9 000 Volt steht. Swen Keller von der Interessengemeinschaft Herdenschutz plus Hund aus Aken bezeichnet die Elektroumzäunung als sehr effektive Wolfsabwehr und geht „zu 80 Prozent“ davon aus, dass Isegrim der Schafherde von Frank Seide nicht den nächsten Besuch abstattet.
Der Vorsitzende der IG erzählt, dass die hohe elektrische Spannung ausreicht, dem Wolf eine Lektion zu erteilen. Denn dieser weiß seit vergangener Woche, dass ein Zaun von 90 Zentimeter Höhe keine Hürde darstellt und er nicht unbedingt graben muss, um an Futter zu kommen. Das Raubtier hat seine Taktik geändert und überwindet das Hindernis als „wilder Springer“.
Und genau hier setzt Keller an. Der höhere Zaun (1,20 m) bietet nicht allein wegen der dreifach höheren Spannung eine neue Herausforderung. Der untere von insgesamt fünf Stahldrähten hält eine Belastung von 750 Kilo aus. Wenn der Wolf also merkt, dass springen keine Punkte bringt, setzt er zum herkömmlichen buddeln an und bekommt den Strom zu spüren. Zudem befindet sich der neue Zaun vor dem alten.
Das heißt: Selbst der cleverste Wolf muss in Sachen Futterbesorgung eine Doppelschicht schieben. Und dann stehen die Herdenschutzhunde zur Gefahrenabwehr bereit. Schäfer Frank Seide aus Prettin ist froh, dass seine Tiere auf der fünf Hektar großen Weidefläche bei Mügeln sicher untergebracht sind. „Swen Keller ist mit einem Spezialanhänger angerückt. In drei Stunden ist das Areal eingezäunt gewesen“, so der 59-Jährige, der im Rückblick auf die beiden Wolfsangriffe stolz auf das perfekte Zusammenspiel seiner beiden Pyrenäenberghunde ist.
Diese haben sich schützend vor die Herde gestellt sowie den über den Zaun gesprungenen Leitwolf und dessen beide Begleiter - die außerhalb der Umzäunung zusätzlich für Unruhe sorgten - bellend aus dem Revier vertrieben. Andererseits fühlt sich Seide von der Politik in Stich gelassen. Es ist endlich an der Zeit, in den Herdenschutz zu investieren. Bisher habe er jeden Cent selbst bezahlt. Der neue Zaun lässt dem Prettiner etwas Zeit zum Durchschnaufen. Mittelfristige Probleme sind geblieben.
Der Welpenschutz der neun Monate alten Hündin geht langsam zu Ende. Seide hat am Wochenende bereits Kontakt mit Mario Lindenborn aus Wiesenburg (Brandenburg) aufgenommen, der dort Leiter eines Herdenschutzzentrums ist sowie ein Tierheim betreibt.
Lindenborn erzählt, dass er noch eine vierjährige Hündin „mit einem schönen Aggressionspotenzial gegenüber Eindringlingen“ hat, die perfekt in die Herde des Prettiners passt. Der Chef des Herdenschutzzentrums kann jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Hündin trächtig ist. „Der Bauch ist nicht sehr dick. Doch Gewissheit habe ich erst in zehn Tagen.“
AWenn der Deal ohne Zwischenfälle über die Bühne geht, ist für die jünge Hündin in Sachen Ausbildung zum Bodyguard vorerst Endstation. Der Prettiner geht davon aus, dass die „Alte“ die „Junge“ verbeißt, um die Hierarchie im Rudel zu klären. Kurzum: Der Schäfer kann sich drehen und wenden will er will, die perfekte Lösung ist nicht in Sicht.
Wölfe hat Seide in den vergangenen Tagen rund um die Herde nicht gesehen. Trotzdem fühlt er sich beobachtet und spricht von einem Hase-und-Igel-Spiel. „Die Wölfe suchen derzeit Futter für ihre Welpen“, meint Lindenborn, der die Sorgen des Prettiners sehr gut verstehen kann. (mz)