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DDR-Opposition vor 25 Jahren DDR-Opposition vor 25 Jahren: Bärbel Bohley und ein geheimer Treff im Herbst 1989

Von Jutta Schütz 03.09.2014, 07:35
Das Bild zeigt die Mitbegründerin der Oppositionsgruppe "Neues Forum" Bärbel Bohley (l.) und den DDR-Molekularbiologen Prof. Jens Reich (r.) im Oktober 1989 in OSt-Berlin.
Das Bild zeigt die Mitbegründerin der Oppositionsgruppe "Neues Forum" Bärbel Bohley (l.) und den DDR-Molekularbiologen Prof. Jens Reich (r.) im Oktober 1989 in OSt-Berlin. dpa/Archiv Lizenz

Berlin - Der letzte Eintrag in dem abgegriffenen Notizbuch heißt „Dienst am Menschen“. Bärbel Bohley hat das im Herbst 1989 notiert. Was hat sie gemeint? Es lässt sich nicht mehr klären. Die Malerin, DDR-Bürgerrechtlerin und Pazifistin starb vor vier Jahren, am 11. September 2010. Sie wurde nur 65 Jahre alt. Die zierliche, mutige Frau gilt vielen als das Gesicht der friedlichen Revolution. Gerade jetzt, 25 Jahre nach dem Mauerfall, rücken die dramatischen Wochen von einst wieder ins Blickfeld. Bärbel Bohley war mittendrin.

„Ich wusste zwar, dass Bärbel respektlos gegenüber Autoritäten war. Aber ich war überrascht, wie klar sie ihr Recht einforderte und Probleme direkt ansprach“, sagt Tina Krone von der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin. „Bärbel war niemals devot.“ Die Archivleiterin hat den Bohley-Nachlass erschlossen, zu dem auch Briefe an DDR-Behörden gehören. Aus Sicht von Honecker und Co war Bohley ein gefährlicher Störfaktor.

Rückkehr in die DDR

Krone kannte Bohley aus der DDR-Opposition. Weil die junge Lehrerin gegen den Wehrdienst protestiert hatte, war sie in den 80er Jahren strafversetzt worden. Die heute 57-Jährige erinnert sich an die Aufbruchstimmung, als Bärbel Bohley im September 1989 zusammen mit Katja Havemann die Bürgerbewegung Neues Forum initiierte. „Dazu gehörte Mut, es war illegal“, sagt Krone.

Schon lange war da die Berliner Wohnung von Bärbel Bohley im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg zur Anlaufstelle Andersdenkender geworden - obwohl sie selbst ständig im Visier der Staatssicherheit war. „Bärbel hatte erkannt, dass die Opposition für Veränderungen raus muss in die DDR-Gesellschaft und nicht mehr unter sich bleiben kann“, meint Krone.

Es war wohl eine Erkenntnis, die in England reifte. Dorthin war die unbequeme Kritikerin 1988 direkt aus der Stasi-Untersuchungshaft abgeschoben worden. Nach sechs Monaten erzwang Bohley ihre Rückkehr in die DDR.

Am 9./10. September 1989 treffen sich Bohley und 30 Gleichgesinnte bei der Witwe des DDR-Dissidenten Robert Havemann in Grünheide bei Ost-Berlin. Das Treffen gilt als Gründung der ersten landesweiten DDR-Oppositionsbewegung. Im Gründungsaufruf für das Neue Forum werden demokratische Reformen und die Umgestaltung der Gesellschaft im Dialog mit der Bevölkerung gefordert. Unabhängig von Staat und Kirche will das Forum sein.

Das DDR-Innenministerium lehnt die couragiert geforderte Zulassung als politische Vereinigung ab. Im „Zentralorgan der SED“, dem „Neuen Deutschland“, erfahren die Leser: „Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprechen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und stellen eine staatsfeindliche Plattform dar.“ Auch dieser Zeitungsschnipsel ist im Bohley-Nachlass zu finden.

Wie das Neue Forum zur großen Bürgerbewegung wurde, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Das Neue Forum ist aber nicht mehr aufzuhalten, bei den immer größeren Demonstrationen gegen die SED-Führung wird lautstark die Zulassung gefordert. Als Bärbel Bohley am Vormittag des 9. November 1989 vor West-Journalisten in Ost-Berlin verkündet, dass sich das Forum nun doch anmelden kann, geht die Sensation wenig später unter, wie sich die Archivleiterin erinnert. Am Abend desselben Tages fällt die Mauer.

Das Neue Forum wächst laut Havemann-Gesellschaft schnell zur größten der neuen Bewegungen und Parteien heran. Bis zum Jahresende 1989 unterschreiben rund 200 000 Menschen für das Neue Forum, 10.000 werden laut Stiftung Haus der Geschichte Mitglied.

Die Aufgabe, Forum in einer sprachlosen Gesellschaft zu sein, habe sich schnell erfüllt, sagt Krone. Es folgten endlose Diskussionen und zermürbender Streit angesichts der rasanten Entwicklung hin zur deutschen Einheit. „Es war traurig, wie der Geist von 1989 verläpperte“, meint Krone im Rückblick.

Rechtsstaat statt Gerechtigkeit

Laut Stiftung spalten sich Anfang 1990 einige Bürgerbewegte ab. Wenig später schließt sich das verbliebene Neue Forum mit der Initiative Frieden und Menschenrechte sowie der Oppositionsgruppe Demokratie Jetzt zum Bündnis 90 zusammen und tritt zur ersten freien und zugleich letzten DDR-Volkskammerwahl an. Das Bündnis kommt auf 2,9 Prozent der Stimmen.

Bald nach der Wiedervereinigung bringt Bohley das Gefühl etlicher Bürgerbewegter enttäuscht auf den Punkt: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Ab 1996 arbeitet und lebt sie vorwiegend im ehemaligen Jugoslawien. „Sie hat nicht lamentiert, sie hat immer nach vorn geschaut und etwas Neues angepackt“, sagt Krone.

Die Geschichte der DDR-Opposition sei noch nicht vollständig erzählt, meint die Leiterin des Archivs. Viele Menschen seien damals bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen. Es sei aber fast einfacher gewesen, sich zu organisieren als etwas zu bewirken. (dpa)