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Busunglück auf A 9 Busunglück auf A 9: Drama passierte auf halber Strecke

Von Jan Wätzold 25.08.2003, 06:24

Merseburg/Tollwitz/MZ. - Um gleich mit voller Kraft anpacken zu können, muss Hans-Werner Jünger erst einmal tief durchatmen. In fünf Jahren als Kreisbrandmeister hat der Merseburger schon so manche Tragödie miterleben müssen. Aber das Bild, das sich an diesem noch finsteren Sonntagmorgen am Rande der Autobahn 9 in Richtung Berlin bietet, geht einem alten Hasen wie ihm trotzdem an die Nieren.

Im Scheinwerferlicht der Einsatzfahrzeuge sieht der 58-Jährige neben blutenden Frauen und Männern bereits zwei schwarze Planen liegen. Was sie verdecken, weiß hier jeder. "Was für ein grauenvoller Anblick", denkt Jünger. Und: "Hoffentlich bleibt es dabei."

Am Ende des Einsatzes, zu dem die Feuerwehrleute der nahe gelegenen Orte Tollwitz und Bad Dürrenberg sowie die Rettungssanitäter aus Weißenfels und Merseburg um 2.42 Uhr aus ihren Betten geklingelt worden waren, wird sich die stille Bitte des Merseburger Kreisbrandmeisters nicht erfüllt haben. Drei weitere Insassen des am Vorabend in München gestarteten Reisebusses können ebenfalls nur noch tot geborgen werden. Sie sind offenbar durch die geborstene Scheibe nach draußen geschleudert und anschließend von dem Bus erdrückt worden. Neben den fünf aus München und Umgebung stammenden Toten sorgen letztlich 17 Schwerverletzte - darunter der Fahrer - für eine, in der Verkehrsgeschichte Sachsen-Anhalts beispiellose Schreckensbilanz. "Das war das bislang schlimmste Busunglück im Land", weiß ein Polizist bereits am Morgen. Und auch der Beamte stellt sich sogleich eine Frage, die die meisten Helfer umtreibt: Wie konnte es ausgerechnet an dieser Stelle und zu dieser Zeit zu solch einer Tragödie kommen?

Tatsächlich bietet der dreispurig ausgebaute Abschnitt der A 9 kein außergewöhnliches Risiko. Die Fahrbahn verläuft völlig gerade, nicht einmal ein nennenswertes Gefälle könnte dem Fahrer Schwierigkeiten bereitet haben. Und zum Zeitpunkt des Unfalls um 2.37 Uhr dürften - von der Dunkelheit abgesehen - bei wenig Verkehr und trockener Fahrbahn geradezu ideale Bedingungen geherrscht haben.

Also warum mussten drei erwachsene Frauen, ein 17-jähriges Mädchen und ein 16 Jahre alter Junge sterben? Bei der Suche nach der Antwort konzentrieren sich die Ermittler von Kripo und Staatsanwaltschaft schon früh auf ein merkwürdiges Detail: Nirgends findet sich eine Bremsspur. Offenbar ist der Bus bereits gut 100 Meter vor der Unfallstelle langsam von der Straße abgekommen.

Für den als Gutachter zu Rate gezogenen Kurt Wojtkowiak ist dies "zumindest ein möglicher Hinweis" auf einen Sekundenschlaf von Fahrer Heinz J. aus Bergisch Gladbach. Das würde auch den weiteren Verlauf erklären: Bemerken Fahrer, dass sie eingenickt sind, reißen sie häufig das Lenkrad nach links, um zurück auf die Straße zu gelangen. Im konkreten Fall könnte die Überreaktion zum Kippen des mit 102 Stundenkilometern fahrenden Busses geführt haben.

Der von seinem Arbeitgeber - dem Leverkusener Fuhrunternehmer Michael Hebbel - als "erfahren und gut geschult" beleumundete Fahrer konnte bislang noch nicht befragt werden. Er übernahm um 23.30Uhr das Steuer. Seine vorgeschriebene Ruhepause wäre um 4Uhr morgens gewesen, rund 90 Minuten nachdem sich der fürchterliche Unfall ereignet hat. Der 66-Jährige wird derzeit in einem Leipziger Krankenhaus behandelt. Alle anderen Verletzten werden in Kliniken in Weißenfels und Merseburg medizinisch versorgt. Lebensgefahr besteht nach Angaben der Ärzte für keinen der aus den Ballungszentren München und Nürnberg stammenden Patienten.

Das Luxusschiff "Mistral", mit dem die Passagiere des verunglückten Busses von Kiel aus zu einer siebentägigen Kreuzfahrt zu Hauptstädten an der Ostsee starten wollten, hat gestern Abend ohne die 23 Bayern abgelegt.