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Befreiungskriege Befreiungskriege: Schusterjunge gegen Napoleon

Von MICHAEL FALGOWSKI 27.04.2013, 19:38
Diese zeitgenössische Darstellung zeigt, wie die Franzosen von Westen Halle beschießen. Dort brennen bereits Häuser.
Diese zeitgenössische Darstellung zeigt, wie die Franzosen von Westen Halle beschießen. Dort brennen bereits Häuser. mz/repro Lizenz

HALLE/MZ - 16 Jahre alt war der hallesche Schuhmacherlehrling Wilhelm Vollring, als er 1813 zum Volkshelden der Befreiungskriege wurde: Während der Kanonade von Halle, als Preußen und Russen mit Unterstützung vieler hallescher Bürger die Stadt gegen die Franzosen verteidigten, hatte der junge Mann im heftigsten Feuer - um ihn herum starben Soldaten, explodierten Granaten - völlig ungerührt in seiner Lederschürze Kugeln und Patronen aus den Pulverkästen zu den Kanonieren getragen.

Jedes hallesche Schulkind im 19. Jahrhundert kannte diesen „Heldenknaben“. Denn alle mussten das Gedicht „Wilhelm Vollring“ auswendig lernen, das einige Jahrzehnte im damaligen Volksschul-Lesebuch stand - 19 Strophen Heldentat! Die Ballade des halleschen Dichters und Verlegers A. G. Eberhard aus dem Jahr 1814 spart nicht mit Pathos, um den „Heldenmuth“ Vollrings zu besingen. „Das war für ihn die festliche Weihe / Zum Eintritt in die Heldenbahn! / Auch mit dem Schurzfell noch angethan, / gehört’ er schon in der Krieger Reihe; / denn der Rock nicht, nein, das Soldatenblut, das macht den Soldaten voll Feuer und Muth!“

Tatsächlich tauscht Wilhelm Vollring gleich nach der Kanonade Halles, am 1. Mai, als Freiwilliger die Lederschürze bei den Preußen mit dem Soldatenrock. Vollring kämpft später, im Oktober 1813, auch in der Leipziger Völkerschlacht. Per Anzeige im „Hallischen Patriotischen Wochenblatt“ suchte 1814 General Graf Kleist von Rollendorf nach dem „jungen Mensch namens Wilhelm Vollring“, der ihm während des Kampfes um Halle „vorzüglich aufgefallen“ sei, „um ihm Beweise meiner Dankbarkeit geben zu können“. Vollring erhält als einer der Jüngsten überhaupt das seit 1813 vergebene Eiserne Kreuz, zweiter Klasse!

Wilhelm Vollring, der Dichter Eberhard und dessen Ballade sind in Vergessenheit geraten. Wären da nicht die Chroniken und Zeitungsartikel, die von ihnen künden. Und wäre da nicht Brigitte Gaul. „Wilhelm Vollring war mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater mütterlicherseits“, sagt die Hallenserin und muss da erst nachrechnen. Sechs Generationen, mit Eltern und Großeltern, liegen heute zwischen ihr und dem patriotischen Schusterlehrling, der gegen Napoleon kämpfte. Lang ist die Ahnentafel, die sich weit verzweigt und bis zu Wilhelm Vollring zurückführt. „Dass wir mit ihm verwandt sind, war in der Familie bekannt. Aber irgendwann wollte ich es genauer wissen.“

Seit rund 20 Jahren erforscht die Hallenserin nun ihre Familiengeschichte. Sie studiert Kirchenbücher, blättert in alten Zeitungen und liest Dokumente in vielen Archiven. Inzwischen ist die Zahl ihrer Verwandten auf knapp 9 000 angewachsen, der älteste wurde 1515 geboren. Aber keiner ist - oder war doch wenigstens kurzzeitig - so prominent wie Wilhelm Vollring. Brigitte Gaul hat dessen Lebensweg nachvollzogen. Vollring kämpfte in verschiedenen Regimentern und wurde 1822 als Invalide entlassen. Er hatte fünf Kinder und kehrte nach Halle zurück, wo er in Adressbüchern als Marktpolizist und Postbote, 1846 als Nachtwächter, 1851 als Schuhmachermeister geführt wird. 1860 ist er in Berlin gestorben. „Sein Grab auf dem Militär-Invaliden-Kirchhof gibt es nicht mehr“, sagt Brigitte Gaul.

Die Genealogin Brigitte Gaul.
Die Genealogin Brigitte Gaul.
G. Bauer Lizenz