30 Jahre Jugendmigrationsdienst in Wittenberg Zuhören und Orientierunggeben
Jugendmigrationsdienst in Wittenberg existiert seit 30 Jahren.

Wittenberg/MZ - Eine Schlüsselfunktion bei der „erfolgreichen Integration von Menschen mit Migrationsbiografie“ im Landkreis bescheinigt Corinna Reinecke den beiden im „Albatros“ beheimateten Diensten. Es geht um den Jugendmigrationsdienst, den es seit inzwischen 30 Jahren gibt und die Migrationsberatungsstelle für Erwachsene. Beide befinden sich unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt, deren Kreisverbands-Chefin Reinecke ist und haben einen bundesweiten Aktionstag genutzt, um ihre Arbeit vorzustellen.
Reinecke betont: „Gerade in einer Zeit, in der aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen vieles weggebrochen ist, Schule und Deutschkurse, Praktika und Ausbildungsplätze, Freizeitangebote und Treffen mit Freunden, sind der Jugendmigrationsdienst für junge Zugewanderte sowie die Ausländerberatungsstelle für Erwachsene und Familien durchgängig tätig gewesen.“
Aus 20 Ländern
Dass die Corona-Zeit eine Herausforderung gewesen sei, bestätigt die Leiterin des Jugendmigrationsdienstes, Doreen Hummel. „Wir mussten von März bis Mai schließen. Das war ein unheimlicher Einbruch. Aber wir haben per Mail oder Telefon Verbindung gehalten.“ Ein Anker für junge Leute, denen es nicht selten an Orientierung mangelt. Die Beratungsstelle in dem Wittenberger Kinder- und Jugendhaus kümmert sich laut Hummel pro Jahr um etwa 200 Jugendliche und junge Erwachsene - aus sehr verschiedenen Ländern, rund 20 seien es. Die meisten, die Rat und Hilfe suchen, kommen aus Syrien, es folgen Afghanistan, Somalia, Eritrea. Aber auch Kasachstan, Venezuela oder Albanien sind Herkunftsländer.
Zunächst sei es wichtig, zuzuhören, die Anliegen kennenzulernen. Die sind vielfältig und reichen von Praktikum und Ausbildung bis hin zu Schwangerschaft und Drogenproblemen. Hummel und ihre Kollegin geben Rat, helfen bei Anträgen, erklären etwa, wie in Deutschland Berufsausbildung funktioniert. Aber sie entwickeln gemeinsam mit den jungen Leuten bisweilen auch einen Berufs- und Lebensplan. Es geht dann zum Beispiel um Motivation und Ziele, um das Herausfinden von spezifischen Stärken. „Wir bauen Brücken“, sagt Doreen Hummel.
Schwer ohne Eltern
Gerade für jene, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ins Land kamen, sei das wichtig. „Es ist sehr schwer für sie ohne Eltern.“ Auch wenn es sich bereits um junge Erwachsene handele: „Sie sprechen zwar Deutsch, sind aber oft orientierungslos. Sie brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt.“ Der Migrationsdienst fülle ein kleines Stück der Elternrolle, sagt Hummel, die von einem großen Erfahrungsschatz spricht, der sich über die Jahre im Dienst angesammelt habe.
Im Übrigen habe die Corona-Krise auch eine positive Auswirkung gehabt. Vor der Pandemie gab es noch offene Sprechzeiten, inzwischen ist der Beratungsdienst zu festen Terminen übergegangen: Das helfe, den Anliegen besser gerecht zu werden.
Nach Auskunft von Frank Flemming, „Albatros“-Leiter und zuständig für die Erwachsenen-Migrationsberatungsstelle, leben gegenwärtig rund 600 Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund im Landkreis, hinzu kommt noch einmal etwa dieselbe Zahl an jungen Menschen, die aus EU-Ländern stammen. Insgesamt bewege sich das Verhältnis EU-Bürger zu Migranten aber bei ungefähr zwei zu eins. Der Anteil ausländischer Bürger an der Gesamtbevölkerung betrage im Kreis zurzeit etwa vier Prozent. Was Flemming noch sagt: Dass Migranten zunehmend in Jobs kämen und damit helfen, den Fachkräftemangel auszugleichen.