Historiker im Lutherhaus Historiker im Lutherhaus: Ronny Kabus berichtet über sein Leben in der DDR

WITTENBERG - Es ist ein herzliches Willkommen, das der Hausherr Stefan Rhein dem Gast entbietet. „Hier zu Hause?“, fragt er kurz nach, und Ronny Kabus stimmt zu. Als der Historiker hier zwischen 1978 und 1989 arbeitete, hieß es noch „Staatliche Lutherhalle“. „Hier habe ich neben Lüneburg meine produktivsten Lebensjahre gehabt“, sagt er rückblickend.
Kabus, Jahrgang 1947, verlässt sich nicht nur aufs Erinnern, er hat sein Leben in einem Buch mit dem Titel „Lenin Luther Lorbass - Erbarmung!“ verewigt. Von der Jugend in Görlitz bis zur Wiedereröffnung der Ausstellung über Juden in Wittenberg während des Dritten Reiches (1988 erstmals gezeigt) spannt sich der Lebensbogen eines Unangepassten, der in der Schule einen Tadel erhielt, weil er die Mauer zum Westen als solche bezeichnete und nicht im offiziellen Terminus als „antifaschistischen Schutzwall“.
Feindlich negative Person
Als er im Zuge der Ausbürgerung Wolf Biermanns und des folgenden Protests zahlreicher Künstler 1976 sein „Unbehagen über die Machtdemonstrationen meiner Partei“ bekundet, bekommt sein Leben eine Wende. Kabus wird fortan als feindlich negative Person eingestuft und von der Staatssicherheit überwacht. Mal fein ironisch, dann mit reichlich Sarkasmus berichtet er über Erlebnisse in den vergangenen Jahrzehnten und jene Erkenntnisse, die sich später beim Lesen der Stasi-Akten auftaten.
Das Buch verrät viel über die Mühlen eines Systems, in die praktisch jeder geraten konnte. Kabus ging nicht ins Gefängnis, jedoch wurden ihm in jedem Abschnitt seines Lebens Steine in den Weg gelegt. 1978 kam er nach Wittenberg, als seine Bewerbung als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Lutherhalle in Wittenberg angenommen wurde. Seine Vorgesetzte wurde angewiesen, „ihn im Rahmen der Katalogisierung einzusetzen, und er somit nicht in der Öffentlichkeit wirksam werden kann“. Zweimal jährlich sollte es eine Überprüfung seines Verhaltens durch den Kaderleiter geben. „Ich fühlte mich wie ein Straffälliger in der Resozialisierung“, bemerkt Ronny Kabus. Er erarbeitete sich dennoch eine Reputation im Zuge der Ausstellung 1983, zum 500. Geburtstag von Martin Luther, durfte Journalisten Auskunft geben und wurde im Deutschlandfunk als „Diplom-Theologe Kabus“ zitiert, was ihm heute noch ein Schmunzeln entlockt.
Raus aus der DDR
Nach der Veröffentlichung des Buches über die Juden in Wittenberg wurde der Druck stärker, Kabus verließ im September 1989 die DDR, arbeitete in Helmstedt, um schließlich an seiner letzten Arbeitsstelle, dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, 2004 wegen „Illoyalität“ entlassen zu werden, weil er Bedenken gegen rechte Tendenzen geäußert hatte.
„Getrieben und getreten von den Weltläuften“, fasst Stefan Rhein das Leben von Kabus in Worte. „Das Größte, was er gemacht hat, war die Ausstellung 1988. Das Ehrenzeichen dieses Hauses.“ Und zeigt sich, da sonst keiner von den 50 Zuhörern am Donnerstagabend eine Frage hat, neugierig über das Museumswesen zur DDR-Zeit und die Ausstellung zum Luther-Jubiläum mit vielen Zitaten. Kabus selbst wird da fast etwas wehmütig. „Dies war vielleicht die schönste Zeit.“