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Kirche und Rechtsextremismus in Wittenberg Evangelische Kirche und AfD in Wittenberg: Wie weit darf der Dialog gehen?

Ehemalige Pastorin Brigitte Neumeister sorgt in Wittenberg für Diskussionen: Sie öffnet ihr „Café der Begegnung“ für alle – auch für die AfD. Ist das mutiger Dialog oder eine gefährliche Normalisierung des rechtsextremen Landesverbandes der Partei? Landesbischof Friedrich Kramer findet klare Worte.

Von Lea Fischer 28.02.2025, 06:30
Anne Grünschneder (oben rechts) spricht   im „Café der Begegnung“ während des AfD-Bürgerdialogs, damals noch in der Wittenberger Collegienstraße.
Anne Grünschneder (oben rechts) spricht im „Café der Begegnung“ während des AfD-Bürgerdialogs, damals noch in der Wittenberger Collegienstraße. Foto: Lea Fischer

Wittenberg/MZ. - Brigitte Neumeister sucht das Gespräch. Mit den Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei, die sich in ihrem „Café der Begegnung“ zum Gesprächskreis treffen. Mit den Geflüchteten aus Syrien und Eritrea, die sie im Rahmen des Kirchenasyls betreut und mit denen sie im Wittenberger „Familienhaus“ unter einem Dach lebt. Und mit Mitgliedern der Wittenberger AfD, denen sie bereits die Räumlichkeiten ihres Cafés für einen Bürgerdialog vermietet hat – und zu denen sie auch weiterhin engen Kontakt hält. „Wir hatten später einen kleinen Markt, und da waren auch einige von den Lieben dabei, von der AfD.“ Sie wolle erkunden, was wirklich hinter den Menschen und ihren Meinungen stehe, begründet die ehemalige Pastorin das freundschaftlich anmutende Verhältnis.

Brigitte Neumeister im Garten vor dem „Café der Begegnung“ in Wittenberg
Brigitte Neumeister im Garten vor dem „Café der Begegnung“ in Wittenberg
Foto: Lea Fischer

Ein Café für alle

„Das voneinander Lernen“, betont die 75-Jährige, „ist der Kerngedanke hinter dem Café der Begegnung“. Das Cafè betreibt Neumeister seit 2022. Der Name des heimeligen Gemeinschaftsortes, der gerade aus finanziellen Gründen von der Collegienstraße in das „Familienhaus“ in der Fleischerstraße umgezogen ist, ist Programm. „Die Tür des Cafés stehe jedem offen“, betont Neumeister.

Offene Türen für die AfD: Bürgerdialog in Wittenberg

Deutlich wird: Das gilt wirklich für jeden, ungeachtet der politischen Einstellung. Der Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD, zu dem auch der Kreisverband Wittenberg zählt, wird vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Begründet wird dies laut Innenministerium Sachsen-Anhalt mit der rassistischen Ideologie und der Demokratiefeindlichkeit des Verbandes.

Dennoch hält Neumeister den Dialog für möglich: „In Parteien wie der AfD gibt es Menschen, die nicht rechtsextrem denken, sondern die etwas verfolgen.“

Doch zurück zum Bürgerdialog: Am 29. November vergangenen Jahres stellt Neumeister der AfD die Räume des Cafés der Begegnung, damals noch in der Collegienstraße, für die Veranstaltung zur Verfügung. Der Informationsabend ist gut besucht, das Interesse groß.

Statements gegen Vielfalt und ausländische Menschen

Zu Gast sind Mitglieder der AfD inklusive der stellvertretenden Kreisverbandsvorsitzenden Anne Grünschneder und des Landtagsabgeordneten Matthias Lieschke, Vertreter der Wählergemeinschaften „Frei und Parteilos“ und „Allianz der Bürger“ sowie interessierte Besucher. Im Fokus stehen vor allem Wahlkampfthemen. Grünschneder zeigt sich angewidert von geschlechtlicher Vielfalt und äußert die Meinung, ausländische Menschen sollten Deutschland am besten alle verlassen.

AfD kritisiert Landesbischof

Das Gespräch dreht sich auch um den Umgang der Evangelischen Kirche mit der AfD: Ein Stadtratsmitglied der Partei äußert Unverständnis für Äußerungen des Landesbischofs Friedrich Kramer. Dieser hatte im Rahmen der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) erklärt, AfD-Mitglieder seien für kirchliche Leitungsämter ungeeignet.

Neumeister hört aufmerksam zu, betont, auch die Absichten hinter dieser Aussage gelte es zu hinterfragen und zu verstehen. Sie erklärt, dass sie die Vermietung ihres Cafés im Rahmen der Veranstaltung als Chance für einen Austausch versteht. „Die Ansätze, etwas Vernünftiges zu schaffen sind bei AfD-Mitgliedern ja da“, sagt sie. „Mein Ziel ist es, alle Parteien an einen Tisch zu bringen und zu sagen: „Was dient der Stadt, und wie können wir das jetzt umsetzen?“

Abgrenzung gegen rechts: Evangelische Kirche hadert mit AfD

Am Wittenberger Beispiel zeigt sich eine zentrale Herausforderung für die Evangelische Kirche: Wie umgehen mit rechtspopulistischen Tendenzen – sowohl in der Gesellschaft als auch in den eigenen Gemeinden?

Landesbischof Friedrich Kramer bleibt im Gespräch mit der MZ seiner Haltung gegenüber der AfD treu: „Wenn man bei uns im Gemeindekirchenrat oder an anderer Stelle mitarbeiten will, darf man nicht unterstützen, dass Menschen, gerade in der Frage der Migrationspolitik, die Würde abgesprochen wird.“ Wer an dieser Stelle andere Positionen vertrete, der sei mit der Grundordnung der Kirche nicht einverstanden.

Unumstritten sei diese Position innerhalb der EKM keineswegs: „Da wir dezentral organisiert sind, gibt es vor Ort manchmal auch andere Einschätzungen.“ Die Haltung der Landeskirche bleibe jedoch eindeutig.

Viele AfD-Wähler auch in evangelischer Kirche

Im Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen gebe es in der Kirche verschiedene Ansätze: „Es gibt die klassischen Positionen der Totalausgrenzung, bis hin zu Diskussionsformaten“. Auch in Kirchenkreisen gebe es viele AfD-Wähler, weiß Kramer, „weil bestimmte Themen die Menschen ansprechen – sei es die Friedensfrage, sei es die Migrationsfrage“.

Die Aufgabe der Kirche sei es, mit den Menschen dazu ins Gespräch zu kommen. „Es geht uns nicht um Parteipolitik und es geht uns auch nicht darum, Menschen abzulehnen. Die Tür steht jedem offen, auch zum Gespräch.“ Bei der Öffnung von Räumen für die AfD sei allerdings Vorsicht geboten: „Das heißt nicht, dass ich mein Podium zur Verfügung stelle und dort etwas gesagt wird, das gegen das Evangelium ist.“

Wann ist die Grenze überschritten?

Die zentrale Frage bleibt: Ist es möglich, mit Rechtspopulisten ins Gespräch zu kommen, ohne deren Positionen zu normalisieren? Während die EKM grundsätzlich den Austausch sucht, betonen Vertreter wie Kirchenrätin Katharina Passolt von der „AG Kirche und Rechtsextremismus“, dass es rote Linien gibt, die nicht überschritten werden dürfen.

Brigitte Neumeister zieht diese roten Linien nicht. „Einen Dialog würde ich nie verweigern“, sagt sie selbst. Allerdings wisse sie nicht, ob die Gespräche immer etwas brächten. „Jemand, der wirklich extrem in seiner Haltung ist, würde wahrscheinlich gar nicht kommen“, meint sie.

Und wenn politische Entscheidungen der AfD zukünftig das Leben ihrer Schützlinge aus Syrien und Eritrea verschlechtern? „Da wäre ich die Erste, die dagegen auf die Straße geht.“