Dörfer der Universität sind Gegenstand der Forschung
WITTENBERG/MZ. - Wie das aber genau funktionierte, auf welche Weise die Uni in den Dörfern wirkte, das ist weitgehend unklar - und also ein reizvolles Forschungsgebiet. Auf die Erkenntnisse sind nicht wenige neugierig, Wissenschaftler ebenso wie Heimatforscher.
Seit April beschäftigt sich ein junger Mann mit eben diesem Thema: Arne Dorow. Der gebürtige Thüringer ist Rechtswissenschaftler, hat in Trier und Halle studiert und ein Referendariat beim Oberlandesgericht in Naumburg absolviert. Jetzt sitzt er als neuer Stipendiat der Luther-Gesellschaft in Archiven und sucht nach Quellen über die "Universität Wittenberg als Grund- und Gerichtsherrin". Ein Jahr lang hat er Zeit, möglichst tief in die Problematik einzusteigen. "Befreit von wirtschaftlichen Zwängen, das ist ein großes Glück", bemerkte er bei seiner Vorstellung in der Wittenberger Sparkasse, die sich in dieser Sache seit Jahren engagiert.
Die Luther-Gesellschaft vergibt das mit monatlich 1 000 Euro dotierte Stipendium für den akademischen Nachwuchs an Doktoranden oder Habilitanden, deren Arbeitsthema sich auf Luther oder die Reformation bezieht. Der Auserwählte wohnt in Wittenberg, wird durch Professoren der Universitäten Halle-Wittenberg und Leipzig beraten. Ihm stehen in der Leucorea ein Arbeitsraum und eine umfangreiche Handbibliothek zur Verfügung. Bedingung ist überdies ein öffentlicher Vortrag, bei dem Arbeitsergebnisse präsentiert werden.
Dorow zählte bei seinem ersten Auftritt am Donnerstag die Dörfer auf, in denen die Universität das Sagen hatte, wenige sind es nicht: nämlich Pratau, Apollensdorf, Piesteritz, Teuchel, Eutzsch, Köpnick, Abtsdorf, Dietrichsdorf, Melzwig, Reuden. Zusätzlich zu den Abgaben der Bauern flossen der Uni Gerichtsgebühren und Teile der Geldbußen zu. Dass die Leucorea den frühbarocken Kirchenbau in Eutzsch gestiftet hatte, erklärte der Stipendiat. Und auf die Frage von Professor Helmar Junghans, Vorstand der Luther-Gesellschaft, wer denn die Uni gewesen sei, dass die Quellen von einem Verwalter sprechen: "In den Dörfern war jemand vor Ort, der die Rechte der Universität wahrgenommen hat." Spannend nennt der junge Akademiker im Übrigen die "typische Kompetenzkonkurrenz der universitären, landesherrlichen, städtischen und dörflichen Gerichtsbarkeit".
Dass seine Untersuchungen aktuelle Relevanz gewinnen können, zeigte eine weitere Frage. Ob die Uni womöglich noch Liegenschaften besitzt, wollte Andreas Prautsch von der Sparkasse wissen. Das sei durchaus möglich, hieß es. Christine Grabbe, Geschäftsführerin der Stiftung Leucorea, bestätigte in der Runde, dass Restitutionsansprüche erhoben wurden. Sie sagte auch: "Wir haben 128 Hektar ehemals universitäres Land rund um Seegrehna zurückerhalten. Einen Acker bei Schnellin ebenfalls." Sie freut sich sichtlich, dass dieses Thema jetzt beackert wird: "Das passt wie die Faust aufs Auge, mal nicht so theoretisch. Eine Forschung, auf die wir warten." Gewartet wird auf den Stipendiaten auch im Lutherhaus. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, sprach von zwei Schatzkammern und meinte das Predigerseminar und sein Haus. "Bei uns sind Teile des Universitätsarchivs vorhanden, zudem juristische Dissertationen." Rhein verwies außerdem auf die städtischen Sammlungen, die eine komplette Ratsbibliothek böten. "Heben Sie die Schätze, die es hier gibt", gab Armin Kohnle vom Vorstand der Luther-Gesellschaft Arne Dorow mit auf den Weg der Forschung und formulierte Ansprüche: "Wir haben eine Reihe von Fragen, etwa die, welchen Einfluss die Universität auf die Besetzung von Pfarrstellen nahm. Wir erhoffen uns von ihnen Antworten."