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Quedlinburger Bowdenzugmanufaktur Quedlinburger Bowdenzugmanufaktur: Erfolgreich am Drahtseil

Von Gerd Alpermann 02.07.2013, 19:52
Ein Bowdenzug wird vermessen.
Ein Bowdenzug wird vermessen. Wohlfeld Lizenz

Quedlinburg/MZ - Zum Standardsortiment gehören 300 Bowdenzüge. Dazu kommen Sonderanfertigungen, zum Beispiel für Oldtimer, ob Moped, Motorrad, Pkw oder Traktor. Seit gut einem halben Jahr, seit dem 1. Dezember 2012, werden in der Heinrichstraße 20 in Quedlinburg wieder Bowdenzüge hergestellt. Aus der Insolvenz heraus hat Katrin Simstedt, die dort selbst schon gearbeitet hat, die Firma übernommen. Sie setzt eine Tradition fort, die 1958 unter dem Namen Mechanische Werkstätten begann.

Die Chefin, das Wort steht an der Tür zu ihrem Büro, hat mit zwei Mitarbeitern begonnen, jetzt sind es fünf und ein geringfügig Beschäftigter. Ab Herbst soll ein Facharbeiter für Metalltechnik ausgebildet werden. Noch ist die Unternehmerin auf Suche nach einem geeigneten Kandidaten. Das Wichtigste für den Bestand der Firma hatte sie aber zuerst genannt: „Wir schreiben von Anfang an schwarze Zahlen.“ Zum Erfolgsrezept gehört die Gründung einer Manufaktur. Damit ist eine Nische gefunden, wo andere nicht präsent sind. Das heißt vor allem Handarbeit, Kleinserien und Einzelstücke nach Kundenwunsch. Letzteres findet zum Beispiel bei Oldtimern Anwendung, für die sich sonst längst keine Ersatzteile mehr finden.

„Für große Stückzahlen gibt es vielleicht zehn Anbieter oder mehr“, sagt die 48-jährige Firmeninhaberin: „Doch Kleinserien bis 500, da besteht unsere Chance. Wir sind in Deutschland der einzige Betrieb, der Bowdenzüge in Handarbeit herstellt.“ Diese Nische nutzt das Unternehmen seit dem Start. Zu drei Großhändlern bestehen Geschäftsbeziehungen, insgesamt sind bisher 158 Kunden bedient worden. Geliefert wird bislang deutschlandweit, in die Schweiz und nach Ungarn. Anfragen gibt es aus den Niederlanden und Rumänien.

Die Bowdenzugmanufaktur wirbt für sich im Internet, hat einen Online-Shop, tritt aber auch über Flyer und Postkarten an Kunden heran. „Mein Vater hat sehr viele Postkarten an mögliche Kunden per Hand geschrieben“, sagt die Geschäftsführerin. Die persönliche Karte bleibe eher im Gedächtnis, werde auch nicht gleich weggelegt, glaubt sie an den Erfolg dieser Aktion. Um sich Manufaktur nennen zu dürfen, sind übrigens einige Kriterien zu erfüllen. Dazu gehören unter anderem Firmensitz und Produktion in Deutschland, mindestens 50 Prozent Handarbeit, Firmengröße zwischen fünf und 200 Mitarbeiter sowie ein Betrieb, der inhabergeführt wird.

Bowdenzüge sind nicht nur in Fahrzeugen, sondern auch in Gartengeräten, Kleintraktoren, Baumaschinen, Fördertechnik für Aufzüge, Bühnentechnik und im Modellbau zu finden. Die Manufaktur in Quedlinburg konnte aber auch schon einmal bei einem teuren Spezialsessel helfen und den Bowdenzug reparieren. Ein ganz spezieller Auftrag, zudem einer, der sich lohnt, sind Reißleinen für Rettungsfallschirme. „Diese müssen laut gesetzlichen Vorgaben alle fünf Jahre ausgewechselt werden“, erklärt Katrin Simstedt, die von Beruf Diplom-Ingenieur für Bergbautechnik ist. In Vorbereitung ist auch die Herstellung von Tachowellen. Genügend Platz ist in den Hallen vorhanden. Wenn es die Geschäftslage zulässt, sind auch personelle Erweiterungen möglich. Seit der Übernahme „läuft die Firma gut“, schätzt die Geschäftsführerin ein. Es gehe familiär zu. Ihr Produktionsleiter, Dennis Bauer, ist zum Beispiel seit zehn Jahren im Betrieb. Da sei für alle möglichen Fabrikationen die Erfahrung vorhanden. Bowdenzüge werden in einer Seilstärke von 0,5 bis 6 Millimeter hergestellt, vieles in Handarbeit oder mit Maschinen, die zwar betagt sind, aber noch problemlos ihren Dienst tun. So konnte reibungslos der Neuanfang gestartet werden. Die Maschinen werden teilweise nur in Abständen gebraucht, doch mit den entsprechenden Werkzeugen versehen, sind sie stets schnell einsatzbereit. Die Nippel der Bowdenzüge werden verpresst, verlötet oder angeschraubt. „Bei großen Zugkräften werden sie verpresst“, erklärt Produktionsleiter Bauer. Dafür stehen eine Sechs- und eine 13-Tonnen-Presse zur Verfügung.

Katrin Simstedt findet ihre Arbeit „unheimlich spannend“. „Für Frauen als Existenzgründer wird in diesem Land sehr viel Unterstützung gegeben“, ist die Geschäftsfrau erfreut und nennt Workshops über den Landfrauenverband, zum Beispiel zur Mitarbeiterführung oder Preisgestaltung. „Frauen gründen anders als Männer, Männer sind risikofreudiger, Frauen gehen mit mehr Bedacht heran“, glaubt sie. Auch deshalb seien Seminare für Existenzgründer ungemein wichtig.

„Wir schreiben von Anfang an schwarze Zahlen.“ Katrin Simstedt, Geschäftsführerin
„Wir schreiben von Anfang an schwarze Zahlen.“ Katrin Simstedt, Geschäftsführerin
Chris Wohlfeld Lizenz