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Fassrollen von Hoym nach Badeborn Fassrollen von Hoym nach Badeborn: Ein Mann ein Fass ein Rekord

Von Dominic Borchert 17.05.2015, 15:36
Christopher Schranz ist mit Bestzeit am Ziel in Badeborn.
Christopher Schranz ist mit Bestzeit am Ziel in Badeborn. Chris Wohlfeld Lizenz

Badeborn - Ein Mann, 50 Liter und 5 750 Meter – das war die Ausgangslage in Hoym am Tag nach Himmelfahrt. Wie auch in den zurückliegenden 32 Jahren hatte sich ein Mutiger gefunden, der es auf sich nehmen wollte, ein 50 Kilogramm schweres Bierfass von Hoym nach Badeborn zu rollen. In diesem Jahr trat der 28-jährige Lokalmatador Christopher Schranz aus Badeborn an, um den Rekord anzugreifen, der 1998 von Dirk Hilgenfeld aufgestellt worden war. 48 Minuten und 32 Sekunden galt es zu schlagen, eine deutliche Hausnummer, und so gab sich Schranz bescheiden: „Das Ziel ist, unter einer Stunde zu bleiben.“

Doch dieser Abend war sein Abend. Gekrönt wurde er nach einer „sehr, sehr guten Leistung“ wie Frank Damm, Vorsitzender des Fassrollvereins, betonte, von einer neuen Bestzeit. Mit 43 Minuten und 56 Sekunden hatte Christopher Schranz den alten Rekord deutlich unterboten. Lohn der Mühen waren ein Pokal und der Wanderpokal der Fassroller.

Schon am Start war zu erkennen gewesen, dass sich sein Training der letzten Wochen ausgezahlt hatte – mit beeindruckendem Tempo ging er auf die Strecke und trieb das Fass mit Händen und Füßen vorwärts. Auch das Wetter spielte mit: Sonnenschein, angenehme 18 Grad Celsius und kaum Wind, boten beste Bedingungen.

Dass Schranz überhaupt zu diesjährigen Fassrollen angetreten ist, war eher ein Zufall, wie er selbst erklärte. Man habe sich auf einer Feier über das Fassrollen unterhalten, einige Mitglieder des Vereins seien dabei gewesen und am Ende des Abends habe Schranz als Kandidat festgestanden.

Aus einer Bierlaune heraus war auch das erste Fassrollen vor über 30 Jahren entstanden. 1984, als noch Bezirksgrenzen entschieden, welches Bier im Ort ausgeschenkt werden konnte, war es Arndt Trautewig, der sich auf eine Wette mit seinem Vater einließ, dass er keine Schwierigkeiten haben würde, ein Fass Bier von Hoym nach Badeborn zu rollen. In Hoym nämlich wurde das bessere „Halberstädter“ ausgeschenkt, wogegen es in Badeborn nur „Dessauer“ gegeben habe, weiß Dieter Kranich. Kranich, Gründungsmitglied des Vereins und dieses Jahr als Ordner tätig, erläutert gern die Hintergründe der liebgewonnenen Tradition. So habe der Umstand, dass es das bessere Bier im Nachbarort gab, zu einem regen Warenverkehr zwischen den Dörfern geführt, freilich auch damals nicht mehr zu Fuß. Trautewig senior soll schließlich zu seinem Sohn gesagt haben „Wenn ihr das Bier aus Hoym nach Badeborn rollen müsstet, würdet ihr nicht soviel saufen.“ Damit war der Ehrgeiz des Jüngeren geweckt und das Fassrollen geboren.

Vom Start an der Gaststätte „Schwarzer Bär“ führt die Strecke traditionell entlang der Hauptstraße, bis sie dann über einen Feldweg nach Badeborn einbiegt. Ziel ist, nach 5 750 Metern, die Ortsmitte von Badeborn. In diesem Jahr musste von der Originalstrecke etwas abgewichen werden, doch habe man die genaue Streckenlänge akkurat ausgemessen, wie Vorsitzender Damm versicherte.

Damm moderierte an diesem Abend nicht nur die Startvorbereitungen, sondern begleitete auch den Fassroller auf der ganzen Strecke. Überhaupt fehlte es nicht an Unterstützern – mehrere Pferdewagen und ein kleiner Fahrradkonvoi folgten ihm auf seinem Weg. Abgesichert wurde das ganze von der Polizei und sogar ein Krankenwagen stand bereit. Frank Damm betonte, dass man natürlich kein Risiko eingehen wolle – „ein gewisser Schutz muss sein“. Und so achte man jedes Jahr darauf, dass der Kandidat in guter körperlicher Verfassung sei und der Hausarzt dies bestätigt habe. Zum anderen sei es aber auch wichtig, dass die Strecke, soweit sie über öffentliche Straßen führt, ordnungsgemäß abgesperrt werde. Dass das in Zusammenarbeit mit der Polizei, dem Landesverwaltungsamt und den Kreisverwaltungen seit vielen Jahren so gut funktioniert, freut Damm sehr.

Am Ziel in Badeborn war unterdessen bereits ein Volksfest im Gange. Der Fassrollverein und die freiwillige Feuerwehr sorgten für das leibliche Wohl. Musik und ein Programm der Jüngsten des Ortes verkürzten die Wartezeit bis zum Zieleinlauf. Für Begeisterung sorgten auch in diesem Jahr wieder die Bratwürste, die der Fassrollverein gemeinsam mit der Fleischerei Hulsch extra für diesen Anlass angefertigt hatte. Überhaupt sei das alljährliche Fassrollen für den Zusammenhalt im Ort sehr wichtig – „vom Ort und für den Ort“ werde das gemacht, erklärte Kranich. Und Damm ergänzte, es sei „einfach wichtig, die Tradition im Ort am Leben zu halten“ und freut sich über die generell gute Zusammenarbeit der Vereine und die zahlreichen Unterstützer und Helfer. Dass sich das lohnt, zeigte auch die Besucherzahl an diesem Tag nach Himmelfahrt – mehrere hundert Gäste, wenn nicht sogar mehr als tausend, waren gekommen und feierten noch bis spät in die Nacht. (mz)

Traditionell begleiten Pferdekutschen den Fassroller nach Badeborn.
Traditionell begleiten Pferdekutschen den Fassroller nach Badeborn.
Chris Wohlfeld Lizenz
Bratwürste gab es für die Gäste.
Bratwürste gab es für die Gäste.
Chris Wohlfeld Lizenz