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Friedrich August Stüler Friedrich August Stüler: Vater des Historismus

Von wieland führ 13.04.2015, 07:48
Titelblatt des 1975 im Berliner Verlag Neues Leben erschienenen Poesiealbums 89 mit Texten von Thomas Brasch. Die Titelgrafik stammt von Einar Schleef.
Titelblatt des 1975 im Berliner Verlag Neues Leben erschienenen Poesiealbums 89 mit Texten von Thomas Brasch. Die Titelgrafik stammt von Einar Schleef. Tageblatt/MZ Lizenz

Wohin führt der Weg angesichts rot-weißer Sperr- und gelber Umleitungsschilder, die aus Wortfetzen, signalgebenden NVA-Soldaten und angedeuteten Mauerstücken heraus die Gegend verengen? Inmitten diese Welt der Zeichen stellt Einar Schleef einen jungen Mann, der - die Hände in den Taschen - scheinbar gelassen überlegt, welche Ziele sich ihm stellen. Wie bei einem anatomischen Anschauungsmodell lässt seine geöffnete Jacke Adern, Luft- und Speiseröhre erkennen. Der in einen offenen Himmel ragende Kopf jedoch bleibt ohne Gesicht.

Die zunächst verwirrende, vom bildenden Künstler, Autor und Regisseur Einar Schleef (1944-2001) geschaffene Grafik ist auf dem Titel des Heftes 89 der legendären Reihe Poesiealbum zu sehen. 1975 im Verlag Neues Leben Berlin erschienen, versammelt es auf 32 Seiten Texte von Thomas Brasch. Es ist die erste eigene Veröffentlichung Braschs in der DDR. Zwar hatte der damals 30-Jährige bereits Hörspiele und Theaterstücke verfasst - so mit Lothar Trolle -, deren Aufführung jedoch auf große Schwierigkeiten stieß, und Gedichte in Anthologien veröffentlicht, eine Textsammlung jedoch kam erst in der von Bernd Jentzsch betreuten Poesiealbum-Reihe zustande.

Jentzsch, Brasch, Schleef - ihre Schicksale als Künstler in der DDR sind ähnlich. Fast gleichaltrig, versuchen sie zunächst, ihren Platz im sozialistischen Staat zu finden. Bald jedoch müssen sie erkennen, dass dies aufgrund von Engstirnigkeit des Systems, von Willkür und Zensur nicht möglich ist. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 kehren auch diese drei Stimmen einer verheißungsvollen Dichtergeneration der DDR den Rücken.

„Wenn sich Thomas Brasch der Gegenwart und Zukunft zuwendet, geht es ihm vor allem um Lauterkeit vor der Revolution, empören ihn Egoismus, Spießertum, Selbstzufriedenheit, Kleinmut. Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist dabei nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen“, schreibt der Schriftsteller Eckart Krumbholz (1937-1994) in seinem Begleittext zum Thomas Brasch gewidmeten Poesiealbum.

Das Heft, übrigens vom Betriebs-teil Zeitz des Fachbuchdrucks Naumburg hergestellt, enthält drei Text-Komplexe: die Gedichte „Augenzeuge läuft ausverkauft“, das balladenhafte, szenische Langgedicht „Hahnenkopf oder die 24 Stunden vor der Schlacht um Weinsberg“ über den deutschen Bauernkrieg sowie den Gedicht-Zyklus „Papiertiger“. In „Augenzeuge läuft ausverkauft“ behandelt Brasch die Nachkriegszeit in Berlin bis in die 50er-Jahre. Wobei sich „Kopie“ - aus heutiger Sicht - auch wie ein Text über die Stasi der 70er- und 80er-Jahre lesen lässt.

Die elf „Papiertiger“-Texte dagegen spiegeln die unmittelbare Lebenswelt Braschs. Sie enden im Gedicht „Wie viele sind wir eigentlich noch“ mit den Sätzen: „Wer sind wir eigentlich noch./Wollen wir gehen. Was wollen wir finden./Welchen Namen hat dieses Loch, in dem wir, einer nach dem anderen verschwinden.“ Es sind, so könnte es scheinen, Worte zu Einar Schleefs Grafik auf dem Titel. (Albrecht Günther)