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Köthen Köthen: Ein Job für 76 Stunden

Von Matthias Bartl 31.07.2012, 18:17

köthen/MZ. - Warten. Längst ist der Himmel über der Hohen Brücke nachtfarben. Längst ist es 22 Uhr vorbei, längst Zeit für eine Nachtschicht der besonderen Art. Noch wird aber nicht gearbeitet, sondern gewartet. Für Jan Düben ist das eine klare Sache. "Da geht es um Sicherheit im Bahnbereich", sagt der Mann vom Landesbetrieb Bau, Region Ost, lakonisch. "Da sind alle besonders vorsichtig."

Zwei Aufgaben sind es, die an der Baustelle Hohe Brücke am Rand von Köthen erledigt werden müssen. Zum einen geht es darum, die Schrammborde an der Auffahrt zur Brücke wieder in Ordnung zu bringen. Die Betonteile der Fahrbahnbegrenzung sind im Laufe der Jahre durch diverse schwere Autos stark beschädigt worden. Ihre Reparatur ist der harmlosere Teil der Tätigkeiten, der auch tagsüber erledigt werden kann - bei halbseitiger Sperrung des Brückenbauwerks.

Viel komplizierter ist das Austauschen oder Erneuern der Berührungsschutzbleche. Die nimmt der Autofahrer in der Regel gar nicht wahr, wenn er die Brücke binnen drei, vier Sekunden überquert. Aber die Bleche sind wichtig: Sie sind wie ein Vordach genau dort an der Brücke angebracht, wo unter ihnen Oberleitungen entlangführen. Ihr Vorhandensein sichert, dass eine gerissene Oberleitung nicht wie eine Peitsche auf die Brücke schlagen und erheblichen Schaden anrichten kann. "Die Bleche sind inzwischen aber so marode geworden und verrostet, dass wir sie ersetzen oder reparieren müssen. Als Schutz für Fußgänger und Radfahrer sind sie unerlässlich", sagt der Projektverantwortliche Düben. Die Bleche unbestimmten Alters (vermutlich aus den 70ern) werden nicht etwa entfernt. "Wir bringen auf ihnen neue Bleche auf, zwei bis drei Millimeter dick, aus Stahl, verzinkt und mit Korrosionsschutz versehen." Hergestellt wurden die Bleche im Stahlbau Dessau und das Unternehmen aus der Nachbarstadt sorgt auch für die nächtliche Montage der neuen Bleche. Zunächst wird auf dem alten Eisen der Rost abgeklopft, danach werden die neuen Bleche angeschweißt. Meter für Meter arbeitet man sich über die Brücke, in enger Choreographie mit dem, was die Bahn zulässt. "Wir versuchen, so wirtschaftlich wie möglich, die Verkehrssicherheit wieder herzustellen", so Jan Düben.

Eine Aussage, die dem Außenstehenden angesichts der Gesamtkosten eher seltsam vorkommen mag. 115000 Euro kostet die Brückenreparatur, "aber der Großteil der Kosten wird für den Sicherungsaufwand fällig".

Denn zwar ist die Hohe Brücke Baustelle, gleichzeitig aber läuft unter ihr der Verkehr weiter - immer wieder scheppern Züge über die Schwellen. In dieser Nacht sollen Gleis 3 und Gleis 4 gesperrt werden, damit an dem Bereich der Brücke über den Gleisen gearbeitet werden kann. Gleis 4 ist schon eine Stunde dicht. Gleis 3 noch nicht, das kommt erst 23.40 Uhr hinzu. Was dafür sorgt, dass die Bauarbeiter später anfangen können als geplant - es lohnt nicht, in dem schmalen Raum über nur einem Gleis zu arbeiten. Ohne das zweite Gleis fehlt der Platz - und selbst dann ist es noch ein Job mit viel Augenmaß: Die Oberleitung des nächsten Gleises ist mit 4,50 Metern faktisch weit genug vom Arbeitsplatz der Stahlbauer entfernt; aber Vorsicht bleibt auch in solchem Fall die Mutter der Porzellankiste. "Auf der Oberleitung", erläutert Jan Düben "liegen immerhin 15000 Volt." Sicherheit ist hier der dominierende Faktor.

Das schlägt sich auch im Personal nieder; an allen Ecken finden sich Aufpasser, die allesamt spezielle Aufgaben im Sicherheitsbereich zu erfüllen haben - vom Streckenposten, der warnt, wenn sich ein Zug nähert, bis zu Ingenieur Joachim Kurzbach, der das "bahnzugelassene" Ingenieurbüro vertritt, das die Genehmigungsplanung für den Bau vorgenommen hat. Kurzbach hat jede Zeile der drei für die Baustelle notwendigen Betriebs- und Bauanweisungen, kurz Betra genannt, intus und überwacht, dass alles ordentlich umgesetzt wird, was auf vielen Seiten Papier festgehalten ist. Ohne sein Okay geht nichts auf der Baustelle.

Die schon etwas Spezielles an sich hat aufgrund ihrer hohen Sicherheitsstandards. Erkennen lässt sich dies auch an den Arbeitszeiten: Gesperrt ist die Brücke für insgesamt 15 Tage oder 360 Stunden. Für die Arbeit an den Blechen stehen aber nur 76 Stunden zur Verfügung, gerade 21 Prozent. In der anderen Zeit rollt der Bahnverkehr.