Im Mittelalter Überschuss an Männern
HALLE/MZ. - Dieses erstaunliche Ergebnis hat das Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege jetzt veröffentlicht. Vorausgegangen waren anthropologische Untersuchungen von 334 menschlichen Skeletten, die bei den umfangreichen innerstädtischen Ausgrabungen auf dem halleschen Marktplatz im Winter 2006 gefunden worden waren.
"Der Grabungsplatz war ein Friedhof von Gertrauden- und Marienkirche", so Caroline Schulz vom Landesamt. "Die Berliner Biologin Bettina Jungklaus hat festgestellt, dass die Erwachsenen zwischen 65 und 75 Jahre alt waren. Es fanden sich aber auch Kinder", so Schulz. Wo das Geschlecht bestimmbar war, sei man zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Während der Nutzung des Friedhofes muss es einen Männerüberschuss in Halle gegeben haben - die Wissenschaftler sehen das als Resultat von Zuwanderung. Bei immerhin 24 Prozent der Skelette sei man aber nicht zu einer eindeutigen Geschlechtsbestimmung gekommen.
Wer an Karies oder Parodontose litt, so Schulz, hatte nichts zu lachen. Die Schmerzen müssen höllisch gewesen sein. Fisteln und Abszesse konnten zur Zerstörung des Gesichts und gar zum Tode führen, wie sich bei einer 25-jährigen Frau und einem sechs bis acht Jahre altem Kind zeigte. Vitamin- und Eisenmangel hinterließen ihre Spuren ebenso wie einseitige Abnutzung von Wirbelsäule oder Extremitäten. Röntgenaufnahmen der Arm- und Beinknochen zeigten etwa sehr Ungewöhnliches. Die Männer erlitten vor allem an Schultern, Armen und Oberkörper Knochenbrüche. Weshalb gerade an diesen Körperteilen, ist kaum erklärlich, vermutlich durch Arbeit oder Lastentransport. Die meisten dieser Frakturen aber wurden medizinisch gut versorgt. Die Mittelalterexpertin Caroline Schulz sagt, wer sich keinen Arzt leisten konnte, ging zum Bader oder Barbier, die über entsprechende Kenntnisse verfügten. Aber auch Scharfrichter und Folterknechte taten auf die eine oder andere Weise Hilfreiches, denn die Anatomie des Menschen war ihnen aufgrund ihrer Profession ja nicht unbekannt.
Für den Tod zweier Männer im Alter 35 bis 45 und 50 bis 60 Jahre dürften die Henker wohl nicht verantwortlich gewesen sein. Beide überlebten die Hiebe auf den Kopf nicht, zu schlimm waren die Verletzungen, die sie erlitten. Ein etwa 60-jähriger Mann hatte mehr Glück. Er überlebte den Schlag auf den Schädel - schwer gezeichnet.