Hallesche Juden Hallesche Juden: Gedenken an Familie Lewin
Halle/MZ. - "Manchmal fehlen einem die Worte, um zu zeigen, wie es im Herzen aussieht." Ilse Strauss, geborene Lewin, fehlten am Donnerstag einen Moment lang tatsächlich die Worte. Deshalb bat sie "meinen langjährigen guten Freund" Professor Max Schwab, ihre Sätze des Dankes zu verlesen. Dank für eine Gedenktafel, die nun in der Jugendherberge in der August-Bebel-Straße hängt und an die Eltern von Ilse Strauss - Curt und Johanna Lewin - erinnert sowie an die Familie des jüdischen Kaufmanns Wilhelm Siegmund Lewin.
Er hatte das repräsentative Haus mit Stilelementen der Renaissance 1908 erbauen lassen, war der Onkel von Ilse Strauss' Vater Curt Lewin und gehörte zu den Inhabern des Kaufhauses Julius Lewin am Marktplatz. "Als Kind war ich sehr oft in diesem Haus in der August-Bebel-Straße, die damals noch Friedrichstraße hieß", sagt Ilse Strauss, "ich kann mich noch an vieles erinnern". Einige Male sei sie nach der Wende hierher gekommen. "Das erste Mal hat es sehr weh getan." Am Donnerstag aber überwog die Freude, dass diese Tafel "an alle Menschen erinnert, die Opfer des Holocaust wurden". Die heutige Generation solle an das Leben denken und für eine bessere Zukunft arbeiten, so Frau Strauss, "aber die Vergangenheit nicht vergessen".
Halles Kulturdezernent Hans-Jochen Marquardt wünscht sich, die Schau- und Informationstafel möge gerade den Besuchern der Jugendherberge Leben und Wirken jüdischer Bürger nahe bringen, "aber auch an deren Leiden und den Tod so vieler erinnern". Curt und Johanna Lewin waren Ende Mai 1942 von der Gestapo deportiert worden - angeblich "nach Osten". Ihr Todesort ist unbekannt. Die heute 88-jährige Ilse Strauss, die im Januar 1938 in Halle heiratete und noch im gleichen Jahr mit ihrem Mann nach Jugoslawien und von dort nach London emigrierte, hatte alles versucht, ihre Eltern nachkommen zu lassen. "Doch es war zu spät."
Nur mit großer Bewegung könne sie die Tafel anschauen, sagt Ilse Strauss. Der Verlust der Eltern schmerze noch immer. Wohl auch deshalb habe sie nie daran gedacht, irgendwann wieder in Deutschland zu leben. Die britische Hauptstadt, das einstige Exil, sei ihr - langsam aber stetig - Heimat geworden. Ihr und erst recht ihren beiden dort während des Krieges geborenen Kindern. Eines, die heute 57-jährige Vera Gellman, war am Donnerstag bei der Einweihung der Gedenktafel für ihre Großeltern dabei.
Viele haben daran Anteil, dass nun lesbar und sichtbar an die Familie Lewin erinnert wird. Die im Januar 2000 ins Leben gerufene Arbeitsgruppe "Ehrung jüdischer Persönlichkeiten der Stadt Halle" zum Beispiel. Und Schüler des Südstadt-Gymnasiums mit ihrem Projektleiter Volkhard Winkelmann. Die Gymnasiasten hatten im Dezember 2001 im bundesweiten Schülerwettbewerb "Erinnern für Gegenwart und Zukunft - Im Dialog für Toleranz" den dritten Platz errungen und einen Teil ihres Preisgeldes zur Finanzierung der Gedenktafel zur Verfügung gestellt. "Es sind die Namen der Toten wieder nach Halle zurückgekommen", sagt Volkhard Winkelmann, "wir müssen alle dafür sorgen, dass sie bewahrt werden." Schülervertreterin Eva Tietze erzählt von der Arbeit am Projekt der Rekonstruktion jüdischen Lebens in Halle. Die Gymnasiasten haben Kontakte zu noch lebenden Juden oder deren Nachfahren in aller Welt hergestellt und viel über jüdisches Leben in der Saalestadt erfahren.
Das ist auch Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle, wichtig. Es gelte, die Erinnerung wach zu halten "an die Opfer und auch die Überlebenden der Shoa". Den heute etwa 600 Gemeindemitgliedern, die vor allem aus GUS-Staaten kommen, sei daran gelegen, "auch von der Geschichte der Vorkriegs-Gemeinde zu erfahren".
Die Gedenktafel für die Familie Lewin ist neben der für den Arzt Hermann Emanuel Jastrowitz in der Händelstraße die zweite, die in Halle an jüdisches Schicksal erinnert. Zudem tragen jetzt mehrere Straßen die Namen verdienstvoller jüdischer Persönlichkeiten.