Gesprächsrunde Gesprächsrunde: Aufgewachsen im Luftschutzkeller
Halle/MZ. - Ihre Väter trugen Uniform und sie wuchsen auf in Luftschutzkellern und mit dem Hass auf andere Völker. Am Donnerstag erinnerte sich bei einer Gesprächsrunde im Stadtmuseum eine Hand voll Hallenser an ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg.
Die heutigen Rentner schilderten, wie sich der Alltag in der Saalestadt durch Diktatur und Krieg veränderte. Teilweise hätten sie den Krieg nicht ernst genommen. "Wir haben damals die Tragweite gar nicht erfasst", erklärte Edeltraud Mangold. "Und die ersten Luftangriffe waren auch nur ein paar Bomben", ergänzte ihr Ehemann Hans-Georg Mangold. Er und andere Kinder seien am Tag nach Angriffen in den Kratern auf die Suche nach Bombensplittern gegangen. "Wer den größten Splitter fand, der war der Größte." Die Bombenreste habe man sogar getauscht - wie heutige Kinder Sammelbildchen. Außerdem habe der Krieg zunächst Vorteile gehabt: "Wenn die Angriffe nach 22 Uhr waren, mussten wir am nächsten Tag erst zwei Stunden später in die Schule."
Günter Lehmann erinnerte sich an schlimme Nächte im Luftschutzkeller: "Mütter umarmten ihre Kinder und fingen an zu weinen. Es war schrecklich, im Keller unten zu sitzen und nicht zu wissen, ob man jetzt dran ist." Er schilderte auch, wie die Propaganda des NS-Regimes den Schulalltag durchdrang und die Kinder manipulierte. "Der Krieg wurde uns immer so dargestellt, als würden wir von bösen Menschen überfallen. Wir sind damals zum Hass erzogen worden."
Die Propaganda habe schließlich gewirkt bis hin zur Verblendung. Mit 15 Jahren sei Lehmann einberufen worden. "Als ich das meiner Mutter sagte, fing sie an zu weinen. Ich sagte zu ihr: Mutti, hör' auf zu heulen, wir gewinnen den Krieg. - Und das war immerhin schon im Februar 1945."
Anlass der Gesprächsrunde war eine Ausstellung in Stadtmuseum (Lerchenfeldstraße) zum Kriegsalltag hallescher Kinder. Die Schau mit dem Titel "Mein Vater ist Soldat - Hallesche Kinder erzählen über ihren Alltag im Zweiten Weltkrieg" wurde verlängert und ist noch bis zum 14. März zu sehen.
Das Stadtmuseum sucht für eine Dokumentation Hallenser, die im Zweiten Weltkrieg die Giebichenstein-Schule besuchten. Ansprechpartner ist unter 0345 / 29 26 276 Ute Forner.