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Zwischen Bangen und Gelassenheit

Von ILKA HILLGER 05.11.2010, 19:59

ZIEBIGK/MZ. - In Ziebigk fängt das Wochenende gestern mit Aufregung und Verspätung an. Erst am Abend kann der Feierabend beginnen. Zuvor gleicht der Stadtteil einer Geisterstadt.

Ab 15 Uhr kommt keiner mehr rein in den Stadtteil, in dem 4 116 Personen gemeldet sind. Alle müssen raus. Die Häuser im Umkreis von 500 Meter um die Christuskirche werden seit der Mittagszeit evakuiert. Am Vormittag sind Bauarbeiter bei Baggerarbeiten an der Ecke Kornhausstraße / Essener Straße auf eine britische Fliegerbombe gestoßen. Seit diesem Zeitpunkt rollt wie ein Uhrwerk der Notfallplan ab.

Leere Straßen

Kurz vor 15 Uhr haben sich auch Johanna Mehrfort und Wolfgang Boden auf den Weg gemacht. Die beiden sind Nachbarn, wohnen gleich hinter der Kirche in Sichtweite des Fundes. Fast menschenleer sind nun die Straßen. Frau Mehrfort bekam von einer Freundin das Angebot, zu ihr zu kommen. "Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, was los ist", sagt die Rentnerin. Ihr Nachbar hielt seinen Mittagsschlaf und hörte gleichfalls nicht die Durchsagen der Polizei. Nun gehen sie zügig in Richtung Straßenabsperrung an der Elballee.

Forschen Schritts sind da auch die vielen Mitarbeiter des Stadtordnungsamtes unterwegs. Sie klingeln an jeder Tür, verteilen Informationsblätter, beruhigen die Bewohner und erklären, was in den kommenden Stunden passieren soll. Auch im "Pächterhaus" schaut eine Mitarbeiterin des Stadtordnungsamtes vorbei. Wirtin Karin Mädel ist mit dem Team schon darauf eingestellt, gleich das Haus zu verlassen. Schon gegen Mittag hatte die Polizei über die Evakuierung informiert. Die Gäste konnten da noch in Ruhe essen. Nun aber ist es leer im Restaurant, in der Küche werden Herd und Kochplatten ausgeschaltet. Die Frau vom Stadtordnungsamt rät, doch besser die Fenster anzuklappen. "Sie haben ja viele Gläser hier, wegen der Druckwelle."

Gelassen wirken die beiden wichtigsten Männer des Tages: Jürgen Schmidt und André Römmer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen-Anhalt sind die beiden Feuerwerker, die die Entschärfung der Zehn-Zentner-Bombe vornehmen. "Wir können entspannt sein, die Bombe hat keinen Langzeitzünder", ist die gute Nachricht von Römmer. Für ihn und seinen Kollegen heißt das, dass die Bombe vor Ort entschärft werden kann. "Wir müssen nicht sprengen", sagt er. Detoniert eine Fliegerbombe dieser Größe, so der Fachmann, sei mit Splitterwirkung im Umkreis von 1 000 Metern zu rechnen.

Römmer und sein Kollege Schmidt stehen schon seit einiger Zeit nahe der Baustelle, wo um den Fundort ein Erdwall angelegt worden ist. Auf der Straße Kornhausstraße rollen längst nur noch Einsatzfahrzeuge an ihnen vorbei: Rettungswagen, die alte und gehbehinderte Menschen aus der Evakuierungszone bringen. Ein Sonderbus sammelt Ziebigker ein, die Feuerwehr ist vor Ort. Die Grundschule und die Sporthalle des Berufsschulzentrums sind als Evakuierungsobjekt mit 70 Betten eingerichtet. 19 Bettlägerige aus dem Alten- und Pflegeheim, in dem sich 80 Bewohner und 24 Pflegekräfte aufhalten, kommen ins Klinikum, die anderen in die Sporthalle. "Die Organisation ist sehr gut. Das ist ein Riesenaufgebot an Leuten hier", lobt Feuerwerker Schmidt das Management der Stadt und Polizei. "Wir haben schon anderes erlebt".

Schmidt muss es wissen, sind die Männer der Kampfmittelbeseitigung doch im ganzen Land unterwegs. Eine Zehn-Zentner-Bombe entschärften sie in diesem Jahr in Merseburg und in Halle. Dessau blieb viele Jahre von einem Bombenfund dieser Größenordnung verschont. Schmidt erinnert sich noch an den letzten Einsatz. "1995 oder 96 wurde eine Zehn-Zentner-Bombe in der Mendelssohnstraße gefunden", sagt er. Damals musste man die Bombe abtransportieren und in der Schlangengrube bei Roßlau sprengen. "Die hatte einen Kopfzünder, heute ist es ein Heckzünder." Dennoch. "Man kann in so ein Ding ja nicht reingucken", weiß Römmer.

Bevor sie an die Entschärfung gehen, diese gelingt und Ziebigk zwei neue Helden hat, werfen sie noch einen Blick in die Runde zu den Fenstern der Wohnungen. "Es wäre nicht das erste Mal, wenn da noch eine Gardine wackelt", sagt Jürgen Schmidt. Die Polizei ist

Trügerische Zuversicht

schon nach 15 Uhr zuversichtlich, Ziebigk im abgegrenzten Bereich leer zu bekommen. "Wir können die Leute auch zwingen, das geht bis zum Raustragen", sagt ein Beamter entschlossen. "Wir fangen erst an, wenn alles leer ist", betonen die Feuerwerker, die eigentlich 16 Uhr beginnen wollen. Doch dann dauert die Evakuierung doch bis fast 17.30 Uhr, weil nicht jeder seine Wohnung verlassen will.

Die meisten Ziebigker indes bewegen sich zu Fuß, mit Auto, Rad und Rollator in alle Himmelsrichtungen fort von der Christuskirche. Staus bilden sich gleich in zwei Richtungen: Wer den Stadtteil verlässt, trifft auf jene, die eigentlich zum Feierabend heimkommen.

Der Einkaufsmarkt an der Ecke Kirchstraße / Elballee, der erste hinter der Absperrung, wird zum Umschlagplatz für Informationen. Eine Ziebigkerin verschnauft dort kurz mit Vogelkäfig samt Sittich in der einen und dem Meerschwein hinter Gittern in der anderen Hand. Es sind nur noch ein paar Schritte bis zur Sporthalle in der Grundschule, wo man sich für die Zeit der Entschärfung aufhalten kann - und wo man hofft, dass die beiden Männer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst auch diesmal wieder ihren Job gut machen.

17.45 ist aus der Hoffnung Gewissheit geworden, die beiden Feuerwerker haben nur 20 Minuten für das Herausdrehen des Zünders gebraucht. Die Bombe wird später zu einem Sprengplatz bei Gardelegen gebracht.

Neben den insgesamt vier Kräften vom Kampfmitteldienst waren gestern noch 261 weitere im Einsatz: Feuerwehr, DRK, Johanniter-Unfallhilfe, Polizei, Ordnungsamt und Katastrophenschutzstab sowie Notfallseelsorger und Busfahrer.