MZ-Gespräch mit Werner Grossert MZ-Gespräch mit Werner Grossert: Warum Dessau ein Jahr früher feiert
Dessau/MZ. - Auf der Gedenktafel in der Askanischen Straße steht als Geburtsdatum Mendelssohns der 6. September 1729. Ist das nun falsch?
Grossert: Das Datum 6. September 1729 stützt sich auf einen Brief Mendelssohns aus dem Jahre 1774. Offensichtlich glaubte Moses Mendelssohn selbst, an diesem Tage in Dessau geboren zu sein, nach jüdischer Zählung am 12. Ellul 5489. Und so steht es auf der Gedenktafel für das Geburtshaus.
Und warum zweifelt man jetzt an diesem Geburtsdatum?
Grossert: Die Zweifel sind schon sehr alt. Auf dem ersten Grabstein von 1787, ein Jahr nach seinem Tode aufgestellt, hebräisch beschriftet, stand zweifelsfrei 12. Ellul 5488, und wenn dieses Mondkalender-Datum in unseren Kalender umgerechnet wird, ergibt das den 17. August 1728. Dem entspricht auch, dass Marcus Herz, der Freund und Arzt Moses Mendelssohns, der bei seinem Tod anwesend war, das Alter mit 57 Jahren angab. Und der erste Biograph Moses Mendelssohns, Isaak Euchel, auch dessen Schüler und Freund, gibt Mendelssohns Alter mit 57 Jahren und fünf Monaten an.
Gibt es in Dessau keinen Nachweis über das Geburtsdatum?
Grossert: Die Gemeindeakten aus jener Zeit sind seit der Nazi-Zeit verschwunden. Geburts- und Sterbelisten wurden bei Dessauer Juden erst seit 1811 beziehungsweise 1822 geführt. Es gibt keine Erwähnung Mendelssohns in Dessau während seiner Lebenszeit in den sonst reichlich vorhandenen Akten. Mit dem neuen Datum überraschte uns Professorin Eva Engel-Holland von der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel, die Herausgeberin der Werke Moses Mendelssohns. Sie hat weitere Quellen für dessen anderes Geburtsdatum publiziert.
Die Professorin war schon mehrfach hier und ist Ehrenmitglied der Mendelssohn-Gesellschaft.
Grossert: Ja, wir schätzen sie sehr. Sie ist die anerkannte Expertin für Leben und Werk Mendelssohns. Und sie schenkte uns die Mendelssohn-Büste und alle Bände der "Jubiläums-Ausgabe", deren erster Band 1929 in Dessau vorgestellt wurde. Die Dessauer können sie im August und September kennen lernen.
Bei welchen Veranstaltungen?
Grossert: Am 17. August wird Frau Engel-Holland die Moses-Mendelssohn-Ausstellung im Dietrichs-Palais eröffnen. Und am 6. September, als Zugeständnis an das bisher angenommene Geburtsdatum, wird sie eine Mendelssohn-Konferenz leiten, ebenfalls im Dietrichs-Palais. So wird auch zum 275. Geburtstag Mendelssohns Dessau das Zentrum der Moses-Mendelssohn-Ehrung in Deutschland sein.