Der Bühnenbaum im Sternenschatten
DESSAU/MZ. - Als das Vokal- und das Blockflötenensemble das schlesische Weihnachtslied in Weihnachtsrot, Weihnachtsweiß und festlicher Eintracht anstimmten, da hatte das 44. "Weihnachtliche Konzert" der Musikschule Dessau-Roßlau im Anhaltischen Theater schon mit einer sicher musizierten Canzone von Giulio Mussi begonnen. Gemäß der Dramaturgie des Konzertes bekommen sogleich kleine Stühle kurze Beine und auch die Instrumente sind längst nicht ausgewachsen. "Guten Abend, schön' Abend" sagen die Jüngsten. Die Bögen marschieren entzückend im Gleichschritt. Geige, Gitarre, Gesang, Bläser und Akkordeon markieren den großen Bogen am rührseligen, spielerisch arbeitsreichen Beginnen.
Dann zeigt, beinah routiniert swingend, die Nachwuchs-Big Band, dass der Jugend-Big Band würdige Nachkommen erwachsen sind. Schon greift das Nachwuchsorchester unter Leitung von Dagmar Fichtner ins große Welttheater mit einer Bearbeitung von Edvard Griegs Konzertschlagern zum nordischen Faust Peer Gynt. Die Farbpalette scheint angerichtet, in knappen Zügen wird stringent begonnen, Charakteristisches zu fassen. Während des Umbaus moderiert Musikdramaturg Ronald Müller. Diesmal kündigt er zwei 15-jährige Solistinnen an. Johanna Kopf (Klarinette) und Urte Alvermann (Klavier) spielen ganz vertraut, erzählend durchatmend Allegretto grazioso aus der Sonate f-moll von Johannes Brahms.
"Puer natus est" - das Vokalensemble greift sicher in die gehobene Weihnachtsliteratur und die Weihnachtslieder des Fagott-Trios (Josephine Häcker, Tom Lucas Kranhold und Johannes Pein) klingen duftend nach warmem Kerzenschein. "Count Bubba" von Gordon Goodwin: Da öffnet sich der Vorhang. Die Big Band unter Leitung von Detlef Metzner spielt vor himmelblauer Wand, im Vorhimmel gewissermaßen, so konzertant wie hemdsärmlig, so geschliffen wie dynamisch.
Dann stellen die Stars der Schule die Sternchen des weihnachtlichen Bühnenbäumchens in den Schatten. Johanna Distelkamp (Sopran) singt begnadet aus dem Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy. Mannbar, erstaunlich reif, kraftvoll und rund singt Philipp Jekal (Bariton) Peter Cornelius. Begleiter Bastian Matthei saß schon vorher am Klavier, Prélude c-moll von Rachmaninow, so geläufig wie brillant, mehr als technokratische Kühle.
Mit den Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate hat sich Anh Quan Dao (Violine) ein Bravourstückchen auserwählt. Aber er glänzt nicht nur als Virtuose, sondern flüstert auch ohne zu munkeln, so leise, so zart, fiebrig, klar. Lehrer Thomas Benke begleitet auch den nächsten Schüler. Johannes Wagner spielt atemberaubend Rondo. Allegro aus dem Fagottkonzert F-dur von Carl Maria von Weber. Da wird nichts verschwiegen, sondern alles ausgesprochen. Komödiantisch und musikalisch geht es weiter: Alexander Neumann, Ann-Kristin Lamprecht, Kristin Ullmann und Carsten Schaub lassen augenzwinkernd "Bill Bailey" durch die Saxophone wehen.
Am Ende und am Anfang des zweiten Konzertteiles spielt das Orchester unter Friedemann Neef. Zuerst Träume aus Händels Oper "Ariodante". Besonders schön gelingen, wenn man so sagen darf, die Alpträume. "Galopp" und "Marktplatz" aus der Filmmusik "Die Bremse" von Dimitri Schostakowitsch gibt es zum Finale. Die amerikanische Romanvorlage über einen heldenhaften italienischen Freiheitskämpfer war Pflichtlektüre in der Sowjetunion. Das hört man der Musik gar nicht mehr an, schmissige, musikantisch musizierte Dinger. Endlich wird noch "O du fröhliche" vor der Zeit gesungen. Aber einige singen nicht mit, als gelte es, die eine Träne der Rührung aufzusparen für die Christnacht. Die gibt's gewöhnlich am 24. Dezember. Dann beginnt, "o du selige", auch Weihnachten.