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Manfred Richter Manfred Richter: Wiedersehen in Wolfen

Von Christine Krüger 09.03.2004, 17:28

Wolfen/MZ. - Ein Foto? Ein Foto. "Ingrid, schau du doch mal." Manfred Richter blinzelt vergnügt. Ob er eitel ist? Offenbar will er das lieber seiner Frau überlassen - das Foto von ihm auszusuchen.

Es ist wie fast überall: Seine Frau bringt eine große Schachtel, in der sind die Fotos verstaut. Flüchtig eingeworfene Erinnerungen. "Ach, guck mal, weißt du noch? Das war doch damals, ist das nicht...?" Visuelle Bruchstücke. Im Rückblick werden Geschichten daraus. Und es entsteht ein Bild von einem Mann, der Geschichten erzählt und ein wichtiges Stück Geschichte gestaltet hat.

"Der Rausschmiss aus dem Wolfener Kulturhaus war das Schlimmste für mich, schlimmer als der bei der DEFA."Manfred Richter ist Drehbuchautor, Dramaturg, Schriftsteller. Er hat Theaterstücke geschrieben und Filme, sich große Geschichten für Kinder ausgedacht, Lyrik und Erzählungen veröffentlicht.

Er war Autor am Deutschen Nationaltheater Weimar und Dramaturg am Landestheaters Dessau, viele Jahre Drehbuchautor beim DEFA-Studio für Spielfilme in Babelsberg. Zweimal ist er richtig rausgeflogen aus dem Beruf. In den sechziger und siebziger Jahren. "Wegen kulturpolitischer Meinungsverschiedenheiten". Man kann auch sagen: Weil er an seiner Wahrheit festgehalten und ausgesprochen hat, was ihm nicht passte.

Unter anderem liegen sieben Drehbücher nie erschienener Filme im Gästezimmer. Er weist mit kurzer Geste auf die untere Etage seines Hauses, das in Groß Glienicke steht. "Sieben Jahre Arbeit." Auch die Vorlage für den Film "Späne" ist dort - Entlassungsgrund nach dem 11. Plenum der SED. "Ich wusste, dass ich mit meiner Haltung bei der DEFA nichts erreichen konnte. Na gut, das ist eben so. Damit muss man rechnen. Das hat mein Verhältnis zu dem, was ich wollte, nicht geschmälert", sagt er. "Aber ich hatte drei Kinder..."

Dieser Rausschmiss hat ihn Mitte der 60er Jahre nach Wolfen gebracht - als künstlerischen Leiter ins Kulturhaus. Hier gab es Arbeiterzirkel. Und das Arbeitertheater. Die Leute hat er begeistert. Er hat mit ihnen Stücke erarbeitet und besprochen, hat gelobt, geschimpft, über Brecht und Gott, die Politik und die Welt diskutiert. Und über Filme, die im Westfernsehen liefen. "Parteiausschluss, fristlose Entlassung", sagt Richter. "Ich war raus. Das war das Schlimmste für mich, schlimmer als der Rausschmiss bei der DEFA. Ich hing doch an den Leuten, wir waren befreundet."

Jenen, die weiter mit ihm Kontakt pflegten, das weiß er, wurde gedroht... Und trotzdem: Zur Premiere des Stückes, aus dem er herausgerissen worden war und das sie nun selbst in die Hand nehmen mussten, hatten sie ihn eingeladen. Alle Blumen, die die Darsteller auf der Bühne bekamen, trugen sie vorbei an den Parteioberen - hin zu dem Mann, der in der letzten Reihe saß und "einfach glücklich" war.

Wenn er zurückblickt, sagt er über diese sechs Jahre in Wolfen: "'ne schöne Zeit." Und: "Ich habe sehr, sehr gerne dort gearbeitet. Das war ganz lebendig." Und spannend. Und neu. Und anstrengend. Und verrückt. Eines Tages hat er eine ganze Vorstellung im Berliner Ensemble gekauft für die Leute der Filmfabrik. "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" von Brecht, den er selbst kannte und sehr schätzt. "Mit dem Sonderzug sind wir - 700 Leute! - nach der Schicht nach Berlin", erzählt er und die Worte sprudeln ihm nur so aus dem Mund vor lauter Begeisterung. "Über dem Eingang des BE hatten sie ein großes Plakat gespannt: 'Wir grüßen die Arbeiter und Angestellten der Filmfabrik'. Dann haben sie den "Artuo Ui" gespielt. Nur für uns. Ich war so stolz."

Im Regal seines vollen Arbeitszimmers, von wo aus er während er schreibt und liest und so genüsslich raucht immer mal einen Blick auf den Garten mit dem kleinen Teich werfen kann, hat er "die Wolfener Zeit" aufgehoben - die vergilbten Programmhefte mit all den Namen der Beteiligten. Die Bilder. Die Broschüren, in denen die Laienspieler über ihre Arbeit in der Fabrik und über ihre Rolle im Theater geschrieben haben. "Das war alles echt, kein Gemache." Mit dem Finger fährt er über die Namenslisten: Ilse Schlemmer, Cornelia Bauer, Siglinde Menge, Paul Werner Wagner. "Mein Arbeitertheater, ja", sagt er und seine Augen leuchten. "Ich kenne sie alle noch." Am Freitagabend zur Filmwoche, hofft er, wird er einige wieder treffen.

"Jetzt musst du drum kämpfen, dass sie deine Arbeit nehmen, verlegen." Wolfen. Manfred Richter schüttelt nachdenklich den Kopf, die Geschichte seiner Entlassung sitzt heute noch tief in seinem Herzen. Auf ganz seltsame Weise wendete sich damals plötzlich das Blatt.

Richter durfte mit "Wolfener Geschichten" all das auf der Kulturhaus-Bühne vor Publikum sagen, was er schon immer sagt: Das Leben ist das einzige Kriterium für alles. Nicht ein theoretisches Gesetz. Und wenn das Leben schlecht ist, muss man etwas ändern. Eine tolle Veranstaltung war das, blickt er zurück. Es ging hart zu, die Leute waren dabei. "Ich glaube, die Idee, die wir damals von der Gesellschaft hatten, war gut. Aber es war so viel Scheiße dabei. Die Idee ist schmählich kaputt gemacht worden von Bonzen, Feiglingen und verdammter Bürokratie. Sie war gut, das steht fest. Für mich jedenfalls...", erklärt Richter. "Wer kann denn seine Träume aufgeben?", fragt der heute 75-Jährige, der doch ständig aneckte in dem System, das seine Wahrheit so klar nicht hören wollte. Dessen Bücher oft politisch entschärft in einen Film verwandelt wurden. Oder eben liegen blieben.

Auch bei "Der Hut des Brigadiers", der am Freitag in Wolfen gezeigt wird, war es so. Oder bei "Reife Kirschen", den er mit Regisseur Horst Seemann gemacht hat. Manchmal, sagt er, denkt er an Seemann, "ein bekannter und kluger Mann", dem nach der Wende nur der Job als Portier in einem Münchner Hotel geblieben ist und der "wohl daran gestorben ist". Drehbücher werden jetzt nicht mehr umgeschrieben, scherzt Richter. "Jetzt musst du drum kämpfen, dass sie deine Arbeit nehmen, verlegen." Ein Buch über Leibnitz, den großen Denker, den kritischen Weltbetrachter, hat er geschrieben. "Legende Lövenix". Schon zu DEFA-Zeiten wollte er den Film machen - zu kritisch. Schönen? Nein. Das Manuskript hat er noch. Und er hat es jetzt wieder und wieder verschickt an Produzenten. Wieder und wieder kam es zurück.

Richter sieht es inzwischen praktisch. Er läuft in sein Arbeitszimmer und holt ein Buch vom Schreibtisch, hält es hoch wie eine Fahne und lacht wie ein Lausbube: "Ich dachte mir: Schreibst du eben einen Roman draus. Ich wollte schon immer mal einen Roman von mir in der Hand haben. Ich hab das Manuskript selbst gebunden." Ein Foto? Genau das ist es!