Bitterfeld Bitterfeld: Bei dieser Musik spielt der ganze Körper mit
BITTERFELD/MZ. - Es soll Momente geben, da spielt der ganze Körper mit - Bauch und Finger und Fußsohlen, hat ein Musiklehrer angekündigt. Nun: Beim Workshop der Musikschule "Gottfried Kirchhoff" am Wochenende in Bitterfeld war es so. Die Workshops sind die Höhepunkte der Musikschule, mit großem Engagement vorbereitet durch ihre Leiterin Cornelia Toaspern und finanziell ermöglicht durch den Verein der Freunde und Förderer der Musikschule.
Wer am Sonnabend irgendwann am Vormittag in den Schulsaal kam, erlebte ein Treiben von fröhlicher Lebhaftigkeit und konzentriertem Ernst. Die Augen konnten auf die Schnelle etwa zwei Dutzend Streicher zählen, Jugendliche und Erwachsene, die Ohren nahmen als erstes rhythmisches Fußstampfen wahr. Dann eine synkopische Jazzmelodie, unisono gespielt. Aus dem Disharmonischen arbeitete sich allmählich das Harmonische heraus. Mit weiträumigen Armbewegungen gab Violinistin Nicola Kruse musikalische Räume vor: "Der Bass ist am Anfang hier... und dann schwimmt er nach hier rüber."
Zusammen mit Jens Piezunka, der einen eigentümlich abgespeckten elektronischen Kontrabass spielt, unterrichtet sie an diesem Wochenende. Und zu ihren Schülern gehören nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene, nicht nur Anfänger, sondern auch solche, die längst schon selber unterrichten. "Ich mach immer wieder gerne mit, wenn die Gruppe ,String Thing' kommt", sagt die 19-jährige Annika Schüler aus Bitterfeld. "Nicht nur hier, auch in Kloster Michaelstein. Es macht total
Freude, und ich lerne bei Stücken von Shakira oder bei ,Purple Haze' von Jimi Hendrix immer noch viel Neues" berichtet sie. "Jens und Nicola waren schon öfter in Bitterfeld, aber das Quartett ,String Thing' als Ganzes spielt heute zum ersten Mal bei uns - ich freu mich schon."
Dieses Streichquartett hat es sich seit 1989 zur Aufgabe gemacht, Brücken zwischen Jazz, Rock und Pop zu schlagen, zwischen Weltmusik, Klassik und zeitgenössischer Musik. Seit 1995 gibt es Workshops an Musikschulen, Konservatorien und Hochschulen. "Im Lehrbetrieb wird Rock und Pop auf vielen Instrumenten gelehrt, nur nicht für Streicher. Hier springen wir jetzt mal rein mit ganz vorzüglichen Musikern, machen auch Weiterbildung für Lehrer, damit das nicht immer bei Mozart und Haydn aufhört. Manche ihrer Schüler finden über diese Schiene überhaupt erst wieder zur Violine", erklärt Cornelia Toaspern.
"String Thing" ist eine ausgesprochen vielseitige und mittlerweile sehr gefragte Gruppe. Sie tourt mit ihren Konzerten und Workshops durchs Land, arbeitet am Dienstag mit Streicherklassen und gibt am Mittwoch einen offenen Orchesterworkshop. Beliebt ist auch die Fortbildung "Groovy Strings" für Pädagogen an Musikschulen und allgemein bildenden Schulen, in denen neue Spieltechniken und die Kunst der Jazzimprovisation gelehrt werden.
Groove ist eine Art musikalisches Gefühl, das durch Rhythmus, Spannung und Tempo des Stücks erzeugt wird und das den Schülern an diesem Wochenende vor allem und am besten durch das abendliche Konzert "Alma Latina" vermittelt wurde, an dem dann auch noch Ingmar Meissner (Violine, Viola) und Gunther Tiedemann (Cello) mitwirkten. "Alma Latina" heißt auch die jüngste CD der Gruppe.
Das Konzert begann mit einem fast unhörbaren Kratzen auf der Geige und endete zur Pause mit einem ganz ähnlichen Geräusch. Während das eröffnende Scratching vom Publikum nur wahrgenommen wurde, amüsierte es sich bei den letzten Tönen hörbar: ein Zeichen, wie genau "String Thing" auch bei scheinbar ungeordneten Tönen komponiert und arrangiert. Und Humor hat die Gruppe! Eins ihrer Stücke nennt sie "Cai Pirinha", ein anderes ("aus unserer Reihe ,Beliebte Sommergetränke'") "Samba Pastis". Dank ihrer Reisen sind sie welterfahren, bauen südamerikanische Rhythmen ein oder lassen sich von Musik aus Burkina Faso inspirieren.
Den meisten Zuhörern neu und allen Schülern ein großer Spaß waren bei diesem Konzert und überhaupt an dem ganzen Wochenende die speziell jazzigen Spieltechniken, waren Klanggestaltung, Artikulation und Phrasierung. "Allerhand Verzierungen, die der Musiker normal nie kennen lernt", erklärte eine Lehrkraft. "Einfach alles, was auf Streichinstrumenten überhaupt nur möglich ist."