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Trauerbegleitung Trauerbegleitung: «Es ging nicht um Rache»

Von detlef valtink 18.07.2012, 11:39

aschersleben/MZ. - Immer wieder streichelt Kirsti Gräf den Rücken von Ramona Seiler. Nimmt ihre Hand, drückt sie und spricht tröstende Worte. Leise, einfühlsam und je nach Situation ermutigend und Zuversicht ausstrahlend. Kirsti Gräf, Trauerbegleiterin der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, kümmert sich seit über einem Jahr um Ramona Seiler. Um die Frau, die bei dem schweren Unfall zwischen Hoym und Nachterstedt ihren Sohn verloren hat. Und auch um deren Lebenspartner Uwe Hasse sowie die drei Kinder, die ihren Bruder nie wiedersehen werden.

Mindestens einmal wöchentlich treffen sich die Frauen zu persönlichen Gesprächen, versuchen, den Alltag zu normalisieren und bis vor wenigen Tagen besonders wichtig: Die Vorbereitung auf die Gerichtsverhandlungen, in denen Ramona Seiler den Menschen gegenüber saß, die für den Tod ihres Sohnes verantwortlich sein sollten. "Wir wollten Klarheit. Gewissheit darüber, wer uns Oliver genommen hat", bringt Ramona Seiler es auf den Punkt, warum sie sich dem Martyrium immer wieder stellte. Bis auf eine Ausnahme: Jenen Verhandlungstag, als die Gerichtsmedizinerin darlegte, was mit dem Zwölfjährigen passiert war. "Das hätte sie niemals verkraftet", ist Kirsti Gräf überzeugt. Für die Trauerbegleiterin steht fest, dass die Familie den richtigen Weg eingeschlagen hat, um sich mit den Gefühlen des Verlustes eines Kindes auseinanderzusetzen.

Denn Psychologen wissen, geschieht diese Konfrontation nicht, kann es für den Trauernden gefährlich werden. Bleibt die Trauer unverarbeitet, erhöht sich das Risiko der Fehlanpassung an die neue, schwierigere Lebenssituation. Und so stellten sich Ramona Seiler und Uwe Hasse immer wieder ihren Gefühlen, wenn sie die Verhandlungstage als Nebenkläger verfolgten. "Dabei ging es uns nicht um Rache. Wir wollten von den Angeklagten wahrgenommen werden", erklärt Ramona Seiler, die, wie ihr Lebensgefährte, mit dem Urteil sehr zufrieden ist. Der Prozess ist am Montag zu Ende gegangen. Er endete mit einem Freispruch für eine der beiden Angeklagten und einer Geldstrafe von 6 000 Euro sowie einem Entzug der Fahrerlaubnis für die Dauer von zwei Jahren (die MZ berichtete) für einen angeklagten Nachterstedter. "Die Strafe ist in Ordnung. Er muss spüren, dass er etwas getan hat", sind sich beide einig. So hatte der Nachterstedter, dem das Gericht die Hauptschuld zugesprochen hatte, sich am Ende der Verhandlung erstmalig dahingehend geäußert, dass ihm alles sehr leid tue. Doch das glauben ihm Ramona Seiler und Uwe Hasse nicht: "Er hätte viel früher auf uns zukommen und sich entschuldigen können. Er konnte uns ja nicht einmal ins Gesicht schauen." Gewandelt hat sich im Zuge der Verhandlung die Einstellung gegenüber der Mitangeklagten, die den VW-Transporter gefahren hat, in dem Sohn Oliver sich die schweren Verletzungen, an denen er später verstarb, zugezogen hatte. "Sie hatte keine Chance, den Unfall zu vermeiden", sind beide überzeugt. Und ließen deshalb über ihren Rechtsanwalt einen Freispruch beantragen. Letztendlich nahmen sich die VW-Fahrerin und Ramona Seiler tränenüberströmt in die Arme, drückten sich gegenseitig ihr Mitgefühl für das Erlittene aus. Für Kirsti Gräf ist damit die Arbeit noch längst nicht erledigt. Denn neben dem persönlichen Kummer der Familie steht für diese noch eine große, kaum zu bewältigende Aufgabe vor ihnen: Sie müssen den drei Kindern irgendwann erklären, warum Oliver nicht wiederkommen wird. "Bei den beiden Kleinen wird das erst passieren, wenn sie größer sind. Der Zehnjährige wird Stück für Stück und je nach Situation damit konfrontiert", haben sie sich ihren Plan festgelegt. Sie selbst wollen in den nächsten Tagen an das Grab ihres Sohnes treten und ihm erzählen, dass der Schuldige seine gerechte Strafe bekommen hat. Und sie werden dann wieder ihren Tränen freien Lauf lassen, wohlwissend, dass es nicht die letzten sein werden. Und auch nicht die letzten sein dürfen - für sich und für das Wohl der Familie.