Grauer Hof in Aschersleben Grauer Hof in Aschersleben: Historie und Histörchen

Aschersleben/MZ - Es heißt, altes Gemäuer könne wahrhaftige Geschichte erzählen. Allein - oftmals braucht es einen Übersetzer fürs Verstehen. In diesem Sinne konnte der Graue Hof in Aschersleben keinen denkbar besseren und geeigneteren Dolmetscher finden als in den Leuten vom Ascherslebener Kunst- und Kulturverein (Akku). Seit nunmehr 20 Jahren bewahren und erzählen sie, allen voran Ernst Karl vom Böckel und Eberhard Buchholz, sehr anschaulich und einfühlsam die Geschichte des ältesten Profanbaus der Stadt und reichern sie mit immer neuen Episoden an.
Hautnah zu erleben am Freitagabend, als der Akku Freunde, Förderer und Mitstreiter in sein Domizil eingeladen hatte auf ein gepflegtes Bier, einen guten Wein und eine heiße Suppe und natürlich lebhaften Gedankenaustausch, Gespräche, Anekdoten und Erinnerungen anhand zahlreicher alter Fotos und Dokumentationen. Das jüngste Kapitel in der 700-jährigen Geschichte des eindrucksvollen romanisch-gotischen Baus im Herzen der Stadt begann eigentlich so:
Die kunstinteressierten Karl vom Böckel und Hardy Buchholz (befreundet seit frühester Jugend und gemeinsamer Zeit im Keramikzirkel von Fritz Dalli) und weitere Gleichgesinnte, wie z. B. Rainer Kastirr, Christoph Köppe, Manfred Schuster, Andreas und Horst Michelmann oder Frauke Böttcher und Hannelore Barnikol-Veit, um nur einige Namen zu nennen, suchten zur Wendezeit am runden Tisch für Kultur nach neuen Wegen und praktikablen Umsetzungsmöglichkeiten. Sie gründeten 1990 einen Verein, der sich um Kunst, Kultur und Neuaufbau kümmern wollte und nach einem geeigneten Haus suchte. Von der Kurzen Straße, wo der Akku anfangs unterkam, bis zum Grauen Hof war der Weg nicht weit. Und die Liebe der Vereinsmitglieder zum heruntergekommenen bis baufälligen Gebäudekomplex längst entfacht, so dass sie sich 1993 an das Abenteuer wagten und einen längerfristigen Pachtvertrag mit der Stadt unterschrieben - Nutzung des Grauen Hofes für ihre Ideen unter der Auflage der denkmalgerechten Sanierung.
Kleiner Rundgang gefällig? Bauleiter (weil –fachmann) Eberhard Buchholz führt am Abend die Gäste durch das Haus, nicht, ohne hier und da seine kleinen Anekdoten einzuflechten. „Wir haben damals gleich voller Begeisterung die Ärmel hochgekrempelt, angepackt, und dann ging das los. Unzählige Stunden nach der Arbeit, Tage und Wochenenden die alte Bausubstanz freilegen, Schutt beräumen. Mann, hat das Spaß gemacht! Die Neugier, wenn Überraschendes zum Vorschein kam. Ich musste manchmal auch bremsen. Wie beim Rauchabzug der Schwarzen Küche. Der war zugemauert und vorher nicht zu sehen, den entdeckten wir quasi zufällig im Licht der Taschenlampe und immer mutigerem Freilegen. Doch es wirken immer auch die Gesetze der Statik …!“
Der geschlossene Innenhof liegt heute etwa einen halben Meter tiefer als noch vor 20 Jahren. Kuhmist und bunte, also Punker-Haare als Zutaten beim Innenputz der Räume lassen die Wände nicht nur denkmalgerecht ausschauen, sondern dienen ob der – vom Menschen nicht mehr wahrnehmbaren – Geruchsabgabe gleichsam zur Schädlingsbekämpfung. Treppauf, treppab gelangen die interessierten Rundgänger in das alte Stadtgefängnis, zuletzt Stadtarchiv. „Mensch, du kommst aus dem Knast einfach nicht mehr raus“, hatten die Akku-Leute den damaligen Stadtarchivar Hans-Peter Nielitz verabschiedet, als der 2003 mit seinem Archiv vom Grauen Hof in das ehemalige Untersuchungsgefängnis am Burgplatz umzog. Die leergezogenen Zellen zeigen sich heute beinahe wieder im Originalzustand. Schwere Eichentüren und -dielen, kleine Fenster mit tiefem Innensims. Mancher Insasse hatte sich viel Mühe gemacht - Zeit hatte er ohnehin - und kunstvoll gestaltete Botschaften an die Nachwelt im Mauerwerk hinterlassen. „Hier z. B., von 1864, eingraviert. Das werden wir wie alle Inschriften sichern“, verspricht der Bauleiter, der auch erzählt, dass die Zellennutzer jetzt von innen die Türen schließen und Licht ein- und ausschalten können. Ein kleiner, neuer Komfort. Noch fehlen Waschmöglichkeiten und Toiletten, bevor die Zellenräume regelmäßig der Beherbergung dienen können.
„Und hier unterm Dach erinnere ich mich vor allem an den besonders modrigen Geruch. Dann hatten wir das Dach mit Schiefer gedeckt, Dämmplatten verlegt, Balken und Dielungen erneuert. Ein einladender Konzertraum war entstanden, in dem nur noch der Flügel fehlte. Wie kriegen wir den hier hoch?“ Hardy Buchholz kann heute schmunzeln über manche nervenaufreibende Herausforderung, die damals Angstschweiß erzeugte. Alle Planspiele, Modelle und Varianten endeten schon fast in dem resignierenden Eingeständnis, man müsse das Dach wieder öffnen. Die rettende Lösung kam mit einer einsatzfreudigen Logistik-Firma, dem Wuchten über die verwinkelten Treppen und zu guter Letzt über Flaschenzug und aufgesperrte Lüftungsluken im Fußboden. „Wir haben’s geschafft. Aber es hätte keine Briefmarke mehr dazwischen gepasst!“
Sie haben ihren neuen Platz gefunden
Den als Galerie geplanten Raum eine Etage tiefer erfüllte Musik von Hochkarätern wie Paul Joses, Tony Sheridan, HISS oder Hansi Biebl und Jürgen Kerth, und auch die Autumn Blues Band ist hier ständiger und gern gehörter Gast. Da braucht es im Grunde keine Stühle! Und trotzdem sei hingewiesen auf die Klappsitze entlang den Wänden. Die wurden nämlich einst aus dem alten Kammerlicht-Kino gerettet, ebenso wie die Sessel vom Kino-Balkon oder der gläserne Kassenbereich mit dem typischen runden Fenster vom Filmpalast Aschersleben. Sie alle haben ihren neuen Platz gefunden im Studiokino. Und Platz nehmen lässt sich wortwörtlich auf dem alten Filmpalast-Kinovorhang, den die findigen Vereinsleute gesichert und kurzerhand wie geldsparend umfunktioniert haben zum Sitzbezug für die alten Stühle.
Es gibt kaum neu gekaufte Möbel. Traditionsbetriebe der Stadt wie Wema oder Optima und öffentliche Einrichtungen sind eingeflossen in Form ausgemusterter alter Schränke, Tische, Heizkörper … im Grauen Hof erhielten sie aufgemöbelt neuen Glanz und neue Ehre.
Seit 20 Jahren begleitet der Akku den Grauen Hof und die benachbarte historische Bausubstanz auf eine ganz eigene Weise, sieht sich selbst mit einiger Ehrfurcht als Zwischenstation im weit größeren Zeitrahmen. Er bewahrt das Haus erkennbar als Denkmal und füllt es für sich und die Öffentlichkeit mit Kunst, Kultur und purer Lebenslust. Das kostet ganz viel Arbeit, Ideen und ähnlich viel Geld. Stadt, Land und andere öffentliche Finanzgeber unterstützen, schließlich erlangte das Kunstquartier über die regionalen Grenzen hinaus ehrliche Anerkennung.
„Wir wollten allen Freunden einmal öffentlich Danke sagen und können mit der gerade angekündigten Förderung auch weitermachen“, bekennen vom Böckel und Buchholz zu später Stunde.
