19. Badeborner Fassrollen 19. Badeborner Fassrollen: Fußballer hilft aus der Klemme
Badeborn/MZ. - Der Stau auf der B 6 bei Hoym ist einen Tag nach Himmelfahrt zwischen halb sechs und halb sieben obligatorisch. Doch während sich manch Autofahrer über den polizeilich gesicherten Zug mit Pferdewagen zwischen Badeborn und Hoym ärgert, freuen sich in Hoym an der Gaststätte "Schwarzer Bär" gut hundert Schaulustige auf den Start zur wohl ungewöhnlichsten Sportart im Vorharz: das traditionelle "Fassrollen Hoym-Badeborn".
Vor der Gaststätte sitzt Rolf Trautewig auf einer Bank. Der 63-Jährige ist einer der Initiatoren des Fassrollens. Weil es in Badeborn Anfang der achtziger Jahre nur Dessauer Bier gab, der Badeborner Jugend aber das Halberstädter Bier besser schmeckte, borgte Trautewigs Sohn das Auto des Vaters aus, um ein Fass des guten Gerstensafes aus Hoym zu holen. "Wenn ihr das Fass von Hoym nach Badeborn rollen müsstet, würdet ihr nicht so viel saufen", habe er dann mal gesagt, erinnert sich Trautewig. Das Ganze wurde zur Wette. Sohn Arndt rollte das Bierfass am Freitag nach Himmelfahrt des Jahres 1984 vom "Schwarzen Bär" in Hoym bis zum "Hufeisen" nach Badeborn.
Seitdem wird jedes Jahr wieder ein mit Wasser gefülltes Fass die 5 750 Meter über den Feldweg nach Badeborn gerollt. Eine Tradition mit Kultstatus. In diesem Jahr sei es "richtig schwierig" gewesen, einen Fassroller zu finden, bekennt Peter Witzel, der Sprecher des Fassroll-Vereins. Am Jahresanfang hatte es zwar drei Bewerber gegeben, doch die sprangen nach und nach wegen "Fracksausens" ab. Die letzte Rettung war quasi "die harmonische und gute Zusammenarbeit mit dem Fußballverein", so Witzel.
Stefan Radacz, ein durchtrainierter Fußballer, wurde angesprochen und er ließ die Fassroller nicht hängen. "Ich habe nur zwei Mal eine halbe Strecke trainiert", bekennt der 22-jährige Fassroller.
Der Startschuss kommt schließlich etwas plötzlich, ohne lautstarkes Anzählen. Während sich der Tross in Bewegung setzt, setzen die Helfer des Fassrollvereins am Badeborner Würstchengrill erste Rauchzeichen. Die selbst gestopften Schmorwürste zählen mittlerweile genauso zur Tradition wie die Fassrollsprüche. Am Hasselborn spielt eine Blaskapelle auf, tanzen Kinder zu Countrymusik und ein kleiner Junge versucht sich als Jodler. In der Abendsonne wirkt der Rauch vom Grill wie Nebel.
Der Zieleinlauf wird zum Treffpunkt des Dorfes. Peter Witzel verkündet Zwischenzeiten, die auf einen neuen Rekord deuten. Doch als Stefan Radacz zum letzten Anstieg vor dem Ziel ansetzt, wirkt er kaputt. Frank Damm, der Vereinsvorsitzende und Hauptschiedsrichter mit der Stoppuhr in der Hand, gießt ihm Wasser über den Kopf und feuert ihn an. "Stefan, Stefan" hallen Sprechchöre aus dem Ziel. Der Jubel kennt keine Grenzen, als der Badeborner weit unter einer Stunde das Fass über den Zielstrich rollt. Stolz strahlt die Mutter Bärbel Radacz, während Vater Roland das Ereignis auf Video bannt. Freundin Jaqueline springt kurz zu Stefan, gibt ihrem Schatz einen Kuss und verschwindet wieder. Dann verkündet Peter Witzel die Zeit: 54 Minuten und 43,5 Sekunden. Dirk Hilgenfeld war vor vier Jahren zwar sechs Minuten schneller, doch das ist jetzt Nebensache.