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Naturfreibäder im Trend: biologische Klärung statt Chlor

Von Annina Reimann 13.06.2007, 09:40

Mettmann/Essen/dpa. - Sand statt Schwimmbadkacheln und biologische Reinigung statt Chlorwasser - der Bau eines naturnah gestalteten Freibades liegt im Trend. Bundesweit gibt es 100 Naturfreibäder, jährlich kommen zehn bis 15 hinzu.

Das sagt Christian Klute, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für naturnahe Badegewässer in Lüneburg. Der Umbau vom konventionellen Freibad zur naturnah gestalteten Anlage stößt auf immer mehr Interesse - viele Vertreter aus anderen Städten besichtigten bestehende Bäder, so Klute. In Dortmund befinde sich eins in Planung, bestätigt Paul Lawitzke vom Regionalverband Ruhr in Essen. Nach dem Umbau kommen im Durchschnitt fünf Prozent mehr Besucher, schätzt Klute. Besonders Allergiker baden gerne chlorfrei.

«Die hygienische Qualität ist anders als im Chlorwasser», sagt Christian Ochsenbauer, Hauptgeschäftsführer beim «Bundesfachverband öffentliche Bäder» in Essen. Die Anlagen eigneten sich vor allem für kleine Städte mit weniger Besuchern. Die Städte Wetter und Mülheim an der Ruhr bauten jeweils ein konventionelles Freibad um und eröffneten es in der Saison 2006 als Naturfreibad: In Mülheim kühlten sich 73 700 Schwimmer ab, in Wetter 33 500.

Die 40 000-Einwohner-Stadt Mettmann musste entscheiden: schließen oder umbauen. Seit der Eröffnung des Naturfreibades im Jahr 2004 zieren Strände und Holzbrücken die Anlage, drei Millionen Euro flossen in den Neubau, so Heinz-Peter Helmer, städtischer Abteilungsleiter für Schule, Kultur und Sport. Mehr als 20 Vertreter aus anderen Städten erkundigten sich nach der Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Hygiene. Besuchern zeigt Helmer drei mit sattgrünem Schilf bewachsene Felder, die das Wasser biologisch klären. «Die langen Wurzeln verhindern das Verklumpen der Gesteinsschichten», so Helmer. Durch Sand und Lava versickert das Wasser aus dem Schwimmbecken in 1,80 Meter Tiefe. Ein besonderer Kies bindet Phosphate. Die Felder sind mit 2400 Quadratmetern so groß wie die eigentliche Wasserfläche im Bad.

Durchschnittlich kamen seit der Eröffnung 34 Prozent mehr Gäste nach Mettmann als zu Freibadzeiten. Erwachsene zahlen drei Euro Eintritt. Die Einnahmen haben sich im Vergleich zu einer Freibadsaison auf durchschnittlich 70 600 Euro mehr als verdoppelt. Auch erfrischend: Die Sonne erwärmt das Wasser durch neu angelegte Flachbereiche, die Kosten für Chemie und Gas entfallen. Grundwasser gibt es zum Nulltarif aus einem Brunnen. Der Zuschuss hat sich auf 88 000 halbiert.

In einem konventionellen Freibad wächst dank Chlorung keine Alge. Im Naturfreibad Mettmann übersäht das Grün den teilweise mit Folie ausgelegten Beckenboden und die Wände. Besucher wirbeln den Bodengrund im Bereich des Ufers auf, hin und wieder färben Kieselalgen das Wasser grün. Der Bademeister muss aus Sicherheitsgründen mindestens einen Meter tief ins Wasser schauen können. Damit er keinen Ertrinkenden übersieht, reinigt er das Becken täglich mit einem speziellen «Unterwasserstaubsauger».

Nicht mehr als 6000 Gäste am Tag dürfen aus hygienischen Gründen in das Mülheimer Becken mit 3000 Quadratmetern Wasserfläche. Die Stadt kalkulierte in der vergangenen Saison 50 000 Schwimmer ein, 23 700 kamen zusätzlich. «Das sind mehr Besucher als im Schnitt der letzten zehn Jahre», sagt Peter Edlich, stellvertretender Betriebsleiter beim Mülheimer Sportservice. Im Eröffnungsjahr machte das 3,2-Millionen-Euro-Bad etwa 500 000 Euro Verlust. Die Mülheimer brauchen mehr Personal für die Aufsicht und die Reinigung des Wassers. Wie die Kosten sich weiter entwickeln, darüber will Edlich nicht spekulieren. Natürlich: Bäder unter freiem Himmel wirtschaften wetterabhängig.