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Literatur Literatur: Tief im Lebendigen drin

Von Christian Eger 20.02.2006, 17:07

Berlin/MZ. - Am 18. Juni 1969 erlässt Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, den Befehl "20 / 69": den Aufbau einer für die "Sicherung" des "Bereiches Literatur" zuständigen Abteilung 7 in der "Hauptabteilung XX", der Kampftruppe gegen "politisch-ideologische Diversion". Bis September soll die Spitzelgarde stehen: Stramm von oben, Berlin, nach unten, den MfS-Kreis-Stellen, sortiert.

Flächendeckend ereignet sich ein sofort einsetzendes Postenschnappen. Bis heute bebt die Spitzel-Streuung nach. Dem Neubrandenburger Literaturzentrum geriet es Ende 2005 zum Skandal, dass die nahezu komplette Führung dem Geheimdienst zugearbeitet hatte. In Abwandlung eines Ost-Kalauers: Alle Stasi - sogar Mutti. Die Literaturhaus-Chefin Heide Hampel erklärte jüngst ihren Abgang, "um Schaden vom Literaturzentrum Neubrandenburg" abzuwenden.

Es rappelt im Karton

Das sind dann so Formeln. Der "Schaden" der Spitzeldienste bestand im Kriminalisieren, Verächtlichmachen, Verschweigen sowie im - stets ja als Möglichkeit buchstäblich mit "in Kauf" genommenen - Töten von Autoren; die Stasi-Dienste wurden ja bezahlt. Die Lyrikerin Edeltraud Eckert, 20-jährig 1959 wegen "Konspirativer Tätigkeit" zu 25 Jahren Haft verurteilt, starb im Zuchthaus Hoheneck an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Susanne Kerckhoff, zuletzt Feuilleton-Chefin der "Berliner Zeitung", nahm sich 1950 mit 32 das Leben.

Solcherart Schicksale stiftet die DDR - über das Jahr 1989 hinaus. Geistige und künstlerische Eigenmächtigkeit gilt ja nur rhetorisch als Bürgertugend; die meisten der einst ausgegrenzten Autoren finden sich auch heute am Rand. So liegt eine Kopie des Mielke-Befehls sehr berechtigt am Eingang der Ausstellung "Literarische Gegenwelten. Das Archiv unterdrückter Literatur in der DDR", die im Berliner Literaturhaus gezeigt wird.

Rund 40 000 Manuskriptseiten von in der DDR weggesperrten oder totgeschwiegenen Autoren umfasst das Berliner Archiv, das von den Autoren Ines Geipel und Joachim Walther gehoben wurde; zur Zeit begleitet von einer Auswahl-"Bibliothek" der Edition Büchergilde. Die Ausstellung führt durch die DDR-Jahrzehnte in einer aufgestapelten Pappkasten-Landschaft: aufgeklebte Fotos, Texte, Zeitungsausschnitte. Über Kopfhörer sind Prosa- und Lyrikstücke abzulauschen; Schubladen zeigen Arbeitsproben. Eben auch Helmut Baierls Hymne zum 25. Stasi-Jubiläum 1975: "Da bist du, Kosmonaut der stillen Erkundung! / Dem Frieden dienend, dem Arbeiterstaat...". Oder Benito Wogatzkis Wurf zum selben Anlass: "Und wir alle sind mit Euch! / Auch der Dichter, der über Versen schwitzt, / sein Mädchen, das unterm Kirschbaum sitzt".

Mit- und Gegenwelt

Dieser staatlich geförderte Irrsinn gibt über eine andere Art von "Gegenwelt" Auskunft als jene, die die Ausstellung im Titel zitiert. Tatsächlich ist das Motto "Literarische Gegenwelten" etwas banal, ja eigentlich eine Tautologie. Ohnehin werden in den hier präsentierten Texten viel mehr "Mitwelten" gezeigt: Die auf Papier übertragene DDR-Wirklichkeit. In dem Gedicht "Die Welt ist eine Schachtel" zum Beispiel, das den Gestaltern offenbar als Schaubauanleitung diente. "In einer Streichholzschachtel liege ich, das ist die Welt! / Was ist denn das - Australien, China, Afrika, Amerika?" Verfasst wurde das Gedicht von Eveline Kuffel, 1935 als Arbeitertochter geboren, 1978 arm und einsam in Ostberlin gestorben. Man könnte diskutieren über den doch stumpfen Begriff "Unterdrückte Literatur"; man darf sich ärgern über den Politische-Bildungs-Gestus der Schau, auch darüber, dass zu wenig von den Autoren erfährt, vor allem liest.

Aber von der Wolfgang-Harich-Schwester Susanne Kerckhoff an bis hin zu dem Harzer Dichter in George-Folge Rolf Schilling ("Das Holde Reich") oder der Erfurter Autorin Gabriele Stötzer, vormals Kachold, teilt sich eine poetische und soziale Energie mit, die mitreißen kann. Es trifft ja zu, wenn Susanne Kerckhoff ihr Gedicht "Nächtliche Fahrt" enden lässt: "Klage der raubenden Zeit! Raubt mir ja beinah' den Sinn, / weil ich, vergehend an ihr, tief im Lebendigen bin."

Bis 15.3: Literaturhaus Berlin, Charlottenburg, Fasanenstraße 23, Mo-Sa 11-19 Uhr

Ines Geipel (Hrsg.): Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen in der frühen DDR, Transit Verlag, Berlin, 296 Seiten, 19,50 Euro