Anissegos und Dragicevic Anissegos und Dragicevic: Impuls-Festival endet mit Klavierabend
Halle (Saale)/MZ. - Da bebte sogar der Boden unter den Füßen. Als Antonis Anissegos und Sascha Dragicevic an zwei Flügeln zum Ende ihrer Improvisation über den Choral "Eine feste Burg ist unser Gott" kamen - samt der Zeile "Und wenn die Welt voll Teufel wär".
Es war am Sonnabend der Abschluss des Impuls-Festivals für Neue Musik und es ging noch einmal richtig zur Sache: Die Deckel der Instrumente weit auf, die Pulte runter, in die Tasten, in die Saiten gegriffen, gezupft, auf Deckel und Korpus geschlagen, getrommelt, zwei an zwei Klaviaturen oder zu zweit an einer - jeder der Advocatus Diaboli des anderen.
Der Anfang fast still. Einzelne Töne ließen die Choralmelodie erahnen, die sofort konterkariert wurde durch die musikalischen Gedanken des Gegenübers, Rede und Gegenrede ohne Worte. Akkorde klangen auf, Saiten wurden mit der Hand angerissen, es ähnelte Cembaloklängen als Reminiszenz an den Barock. Versatzstücke des Jazz links, irrwitzig perlende, um sich selbst drehende Läufe rechts. Dann die Steigerung an Lautstärke, an Geräuschen, der Flügel wurde regelrecht traktiert, sein Inneres, sein Äußeres. Bis plötzlich der Choral ganz einsetzte und eine eher klassische Improvisation zu vier Händen das vielschichtige Stück zum Ende führte.
"Die Macht der Verführung - acht Hände, sechs Beine, zwei Flügel" war der letzte Abend des dreiwöchigen Konzertmarathons überschrieben, der durch ganz Sachsen-Anhalt führte. Verführen ließ sich jedenfalls das Publikum, das den bescheidenen Saal des Musikinstitutes der Martin-Luther-Universität in Halle beinah restlos füllte in einer angenehm bunten Mischung zwischen ganz jung und schon älter. Überhaupt schrieb das diesjährige Impuls-Festival - immerhin schon das fünfte - sehr gute Zuschauerzahlen. Das ist und bleibt wichtig für die Förderung der geplanten Fortsetzungen, die natürlich angedacht und - siehe Publikumszuspruch - auch gewünscht sind. Dennoch wollte Festivalchef Hans Rotmann als Abschluss dieser vielgestaltigen und intensiven drei Wochen etwas Einfaches: ein kleines Konzert mit wenig Instrumentarium, "entre nous" - unter uns. Und meinte damit unter Freunden, mit den Wegbegleitern und Machern des Festivals, dem Kern des Publikums und Interessierten, die vorbeischauten. Jeder kam auf seine Kosten.
Dem alle Aufmerksamkeit bündelnden und humorvollen Beginn folgte als Paradebeispiel der klassischen Moderne "In a Landscape" von John Cage. Seines hundertsten Geburtstages wurde mit diesem fast zehnminütigem Stück aus dem Jahr 1948 gedacht, das zur Choreographie einer Tänzerin entstand. Antonis Annissegos spielte es mit konsequenter und stark berührender Klarheit, in der sich wie von selbst Gedankenräume öffneten.
Mit vier weiteren Werken verzauberte zum Schluss das blutjunge Duo Lisa-Marie Schneider und Jan Vorrath, deren Natürlichkeit sich mit hinreißender Virtuosität paarte. Diese blitzte vor allem in Witold Lutos?awskis "Paganini-Variationen" auf und fand mit der "Brasiliera" von Darius Milhaud ihren rhythmisch pointierten Kehraus. Noch weiter in die Nacht führte der Berliner Elektromusiker Marc Weiser, der zur geselligen Schlussrunde im Foyer auflegte mit Klängen - die wiederum ganz heutig tönten.