Rudern Rudern: Philosoph Hans Lenk wird 70
Ettlingen/dpa. - Im Sport galt er oft als Nestbeschmutzer, alsWissenschaftler ist er hoch gelobt und dekoriert. Wie kein andererfrüherer Leistungssportler hat sich der Ruder-Olympiasieger Hans Lenkals Philosoph einen Namen gemacht: An diesem Mittwoch feiert er imbadischen Ettlingen seinen 70. Geburtstag. «Viele Dinge, die ichvorhergesagt habe, sind eingetreten», sagt er mit leiser Genugtuung.
Für den größten Paukenschlag hatte Lenk 1992 gesorgt, als er seinepersönliche Mitgliedschaft im Nationalen Olympischen Komitee (NOK)für Deutschland zurückgab und in einem öffentlichen Brief an den neugewählten Präsidenten Walther Tröger schrieb: «Alle strategischenPositionen im deutschen Sport sind mit Opportunisten und Möchtegern-Potentaten besetzt.» Das NOK sei «von allen olympischen Geistern verlassen».
120 Bücher hat Lenk geschrieben, davon 25 über den Sport. Von«Werte - Ziele - Wirklichkeit der modernen Olympischen Spiele» bis«Erfolg oder Fairness? Leistungssport zwischen Ethik und Technik.»Der gebürtige Berliner ist einer der kritischsten Begleiter desdeutschen Sport. Als einer der ersten forderte er unangemeldeteDopingkontrollen. Bereits vor fast 20 Jahren prophezeite er: «ImZeitalter der Telekratie ist Olympias Weiterleben garantiert - alseffektiv kommerzialisierter Artistenzirkus mit weltweiterAllpräsenz...» Der Geist habe «keine Chance mehr im Sport»,konstatierte er in den 90er Jahren.
Lenk studierte in Freiburg und Kiel Mathematik, Philosophie,Soziologie, Sportwissenschaft und Psychologie, später in Berlin nochKybernetik. 1969 trat er eine Professorenstelle für Philosophie ander Universität Karlsruhe an. Gastprofessuren führten ihn unteranderem nach Fort Worth, Belo Horizonte, Tokio, Graz und Basel. Von1991 bis '93 war der in Ratzeburg aufgewachsene WissenschaftlerPräsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie inDeutschland, von 1998 bis 2003 Vizepräsident der Weltgesellschaft fürPhilosophie. Mitglied der Weltakademie ist der Wahl-Badener immernoch.
Erst am Wochenende kehrte Lenk zusammen mit seiner Frau Ulrike voneinem Wanderurlaub aus Neuseeland zurück. Die 40-stündige Rückreisewar selbst für den topfitten Senior «ein ziemlicher Schlauch». Fastjeden Tag noch treibt er zwei Stunden Sport, fährt Rad, schwimmt,macht Krafttraining oder sitzt zu Hause auf dem Ruder- oderRadergometer. «Ich versuche am Ball zu bleiben, ohne dass ich einfanatischer alter Sportler bin.»
Vier deutsche Meistertitel gewann Lenk einst im Rudern, ein Malwar er Europameister im Vierer ohne Steuermann, ein Mal im Achter.Unter dem legendären «Ruderprofessor» Karl Adam feierte er seinengrößten sportlichen Erfolg mit dem Olympia-Gold 1960 auf dem LagoAlbano. Danach beendete er seine aktive Laufbahn, führte aber sechsJahre später als Trainer den deutschen Achter zum WM-Titel. «NurBegeisterte können Begeisterung weitergeben. Das scheint in unsererGesellschaft verloren gegangen zu sein, dass so etwas von den Älterenvorgelebt wird», kritisiert er heute.