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Matthes, der Retter

Von Gerold Bergmann 05.01.2004, 18:00

Halle/iposa. - Harty Sachse macht Musik, seit er denken kann. Aber so etwas hatte der Chef der Punk-Band Müllstation noch nicht erlebt: Eine prallvolle riesige Halle feiert einen Schlagzeuger, der vor diesem Konzertabend noch nicht einen einzigen Augenblick für seine Band getrommelt hat.

Aber so spielt das Leben zuweilen. Müllstation, dienstälteste deutsche Punk-Kapelle und durch Stücke wie „Der Punkrock-König vom Mansfelder Land“ zu einer Legende gewachsen, ernten ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung durch Sachse und seinen Cousin Rialto Bauer endlich die Früchte des frühen Zorns: Die CDs laufen gut, immer wieder kommen Konzertangebote – zuletzt aus München, wo die Hallenser vor mehr als tausend begeistert pogenden Westfans bewiesen, dass die Toten Hosen verglichen mit echtem Punk in der Tat tote Hosen sind.

Damals spielte der Hallenser Matthias Könau noch Gitarre in der Müllstation. Anschließend aber ließ der frühere NFP-Mann sich die Papiere geben, um mehr Zeit für seine eigene Band Allfarbe zu haben, mit der er seinen Hang zu Experimenten auslebt, der auch schon auf mehreren CDs des Duos Katzenkacke Spuren hinterließ. Immer nur Punk, immer nur schnell und laut, das langweilte doch auf Dauer. „Und wir steckten mitten in der Produktion unserer Debüt-CD“, erzählt er, „da hatte ich einfach keine Zeit mehr, mit Müllstation quer durch Deutschland zu fahren.“

Dann aber erwischte es Jürgen Grahl, den etatmäßigen Schlagzeuger der Mansfeld- Punks. 41 Fieber, Husten, Schnupfen, Kreislaufkollaps. Und das einen Tag vor dem ersten Konzert der Deutschland-Tour der westdeutschen Punk-Legende Slime, die Müllstation eingeladen hatten, als Vorgruppe mitzufahren.

Was tun? Müllstation haben keinen Ersatzschlagzeuger. Allerdings, erinnerte sich Harty Sachse, spielt sein Ex-Gitarrist Matthias Könau bei seiner Band Allfarbe gelegentlich auch Schlagzeug, die geheime Leidenschaft des 33-Jährigen. „Also habe ich Matthes angerufen und gefragt, ob er uns helfen kann.“

Kleine Notlüge inklusive: „Harty sagte, es gehe um ein Konzert in einem kleinen Bochumer Klub mit etwa 150 Leuten“, grinst Könau. Der Schock vor Ort: Das „Matrix“, in dem Slime und Müllstation auftreten sollen, ist riesig und mit 1500 Fans prall gefüllt. „Und ich war so spät dran, dass nicht malmehr Zeit für einen Soundcheck oder einen kurzen Probedurchlauf blieb.“ Könau musste aus dem Auto auf die Bühne, hinters Schlagzeug und trommeln, „was ich bis dahin immer nur als Gitarrist gespielt hatte.“ Und das nicht nur beargwöhnt von den skeptischen Punks aus dem Ruhrgebiet, die von Punk mit DDR-Wurzeln bis dahin wahrscheinlich noch nie gehört hatten. Sondern auch noch vor den Kameras eines Fernsehteams, das über die Rückkehr des Punk- Mythos Slime berichten wollte. „Komischerweise hat trotzdem alles geklappt“, atmete Matthias Könau danach erleichtert auf. Die Band spielte laut und schnell, die Fans feierten, Harty Sachse strahlte. „Matthes, du bist unser Retter!“

Konzert gelungen, Tournee gerettet. Das Konzert am nächsten Tag im Münchner In-Klub „Backstage“ sei dann „schon fast Routine gewesen“, erzählt Matthias: „Da war ich schon aufgeregter, als Radio Corax neulich die Allfarbe-CD komplett spielte.“ Denn das geschah in einer Version, die der Mann mit dem Hang zu gewagten musikalischen Experimenten speziell für den Radiosender geremixed hatte: „Ich habe alle Songs übereinandergelegt, so dass das Album in drei Minuten durch war.“