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Italien Italien: Bei der hilfreichen Madonna in Maria Weißenstein

Von Frank Zimnol 09.06.2005, 15:47

Halle/MZ. - Die Mitte des 17. Jahrhunderts im prunkvollen Barockstil erbaute Kirche und das dazugehörige Kloster, das heute nur noch von zehn Mönchen bewohnt wird, sei die bedeutendste Pilgerstätte Norditaliens, meint Heimat-Historiker Herbert Pichler, Besitzer des Berghotels Ganischgerhof im nahen Deutschnofen. Pater Georg, einer der in schwarze Kutten gehüllten Serviten - dieser Orden sieht sich der Verehrung der Schmerzen Mariens verpflichtet - sagt, dass es jährlich gut 50 000 Menschen seien, die den heiligen Ort aufsuchen. Die meisten freilich mit Bus oder Auto. Am dritten Sonntag im September jedoch wird "nach alter Tradition allein der alte Pilgerpfad genutzt", sagt Pater Georg.

Die Faszination die von dieser Gnadenstätte ausgeht, hat ihre Wurzeln im 16. Jahrhundert. Der Legende nach soll einem kranken Bauern die Gottesmutter erschienen sein und ihm Heilung versprochen haben, falls er ihr zu Ehren eine Kapelle errichten würde. Leonhard, so sein Name, soll aber zunächst versäumt haben, das Kirchlein zu bauen. In einem Anfall von Wahnsinn habe er sich von einem Felsen gestürzt, sei aber neun Tage später gerettet worden. Als Leonhard sein Werk in Angriff nahm, soll er beim ersten Spatenstich auf ein Marien-Bildnis gestoßen sein. Als er obendrein noch auf wundersame Weise Genesung von seinem Leiden erfuhr habe sich die Kunde davon in den Dolomiten-Tälern verbreitet. Die Stätte wurde zum Wallfahrtsort.

Gläubige, die wie einst Bauer Leonhard, eine Notsituation überstanden hatten, pilgerten nach Maria Weißenstein - im zweisprachigen Südtirol italienisch Madonna di Pietralba genannt - um der Gottesmutter mit einem geweihten Bild zu danken. So schmücken diese liebevoll gestalteten kleinen Kunstwerke zu Hunderten den Kirchenvorraum und den Klostereingang.

Die Palette der meist mit Zeichnungen illustrierten Schicksale ist breit. Da zeigt sich ein Landwirt heilfroh, mit dem Leben davon gekommen zu sein, nachdem sich sein Traktor überschlagen hatte. Ein Tankstellenbesitzer dankt Maria dafür, dass sein Sohn einen Tankwagen-Unfall überstanden hatte. Auch Fotos von Crash-Autos, deren Insassen mit dem Schrecken davon kamen, prägen die Galerie unerschütterlichen Glaubens. Ebenso wissen verunglückte Holzfäller, Güterwagen-Rangierer, Dachdecker oder Kutscher von göttlicher Fügung zu berichten. Erfolgreich verlaufene Operationen stellen ein Kapitel für sich dar. Oder die Zeugnisse tiefer Dankbarkeit über die glückliche Heimkehr von der Kriegsfront oder aus der Gefangenschaft.

Ob in Deutsch oder Italienisch, ob kindlich ungelenk gezeichnet wie der Sturz von der Treppe oder künstlerisch anspruchsvoll wie jenes Aquarell, das eine offenbar ungewollte Gebirgssprengung abbildet, ob kunsthandwerkliche Stickerei oder rustikal gefertigte Holzplastik - die Ausdrucksformen sind so mannigfaltig wie tragische Ereignisse, die das Leben trüben. Marcus Loderer, Gymnasiast aus dem Allgäu, hat sich geschworen, im September den Pilgerpfad zu erklimmen. Als Dank für das erfolgreiche Abitur. Allerdings wird er nicht so ohne weiteres ein Dokument anbringen können. Die Entscheidung darüber treffe allein der Prior des Klosters, stellt Pater Georg klar. Da der Kloster- "Chef" aber offenbar sehr zeitgemäß denkt, könnte Loderer gute Chancen haben, eine Kopie seines Abi-Zeugnisses aufhängen zu lassen.

Schließlich zieren die Dankes-Wände auch etliche Sportwimpel. Anhänger des AC Belluno beispielsweise, der in irgendeiner unterklassigen Fußball-Liga Italiens spielt, fanden beim Prior Gehör mit ihrem Anliegen, der Madonna Dank sagen zu dürfen. Dafür, dass der bittere Kelch des Abstiegs an ihrer Elf vorüberging.