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Integrationsprojekt in Halle Integrationsprojekt in Halle: Migranten pauken für den Schulabschluss

Von Cornelia Winkler 14.06.2015, 10:29
Tenin Traore (23) aus Mali erklärt Lehrerin Sybilla Schmidt und ihren Klassenkameraden, was sie gelernt hat.
Tenin Traore (23) aus Mali erklärt Lehrerin Sybilla Schmidt und ihren Klassenkameraden, was sie gelernt hat. Silvio Kison Lizenz

Halle (Saale) - Junge Menschen, die Zuflucht in unserem Land suchen, haben vor allem ein Problem: Den meisten fehlt ein anerkannter Schulabschluss, sei es aufgrund von Krieg oder einer schlechten schulischen Infrastruktur im Herkunftsland. Die Chancen auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in Deutschland sind deshalb beinahe aussichtslos. Das Projekt Loop der St. Johannis GmbH für jugendliche Migranten in Halle hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Menschen konkurrenzfähig für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen.

Loop steht für „Lernen für Schulabschlüsse oder Orientierung in der Ausbildungs- und Berufswelt durch Praktika“. Das Projekt bietet jugendlichen Migranten im Alter zwischen 15 bis 28 Jahren die Möglichkeit, sich auf die sogenannte Nichtschülerprüfung vorzubereiten. Ziel ist, am Ende einen Real- oder Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben.

Büffeln für den Hauptschulabschluss

Einer der Schüler ist Marick Dera. Der 28-Jährige ist vor fünf Jahren aus Burkina Faso geflüchtet und nach Deutschland gekommen. Seit diesem Schuljahr ist er Loop-Teilnehmer. Gemeinsam mit der 23-jährigen Tenin Traore aus Mali und sechs weiteren Migranten, die in Halle oder dem Saalekreis leben, büffelt er für seinen Hauptschulabschluss. Ein Jahr lang heißt es Deutsch, Mathe, Geographie, Biologie und Sozialkunde zu pauken. Für die Realschulklasse steht zusätzlich Englisch im Lehrplan.

Seit seiner Gründung im Jahr 2001 sammelt der Verein „Wir helfen“ Geld für ein Jahresprojekt. Das aktuelle, vierzehnte Projekt heißt „Ich bin dabei - wir helfen, weil Ausgrenzung weh tut“. Es geht darum, allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft Freizeiterlebnisse zu ermöglichen, sie zu stärken und ihre Kreativität zu fördern.

Der Verein „Wir helfen“ hat bislang folgende Jahresprojekte durch Geldspenden gefördert: Straßenkinder (2001), Traurige Helden (2002), Verletzte Seelen (2003), Lernbehinderte (2004), Chance trotz Handikap (2005), Kinder ohne Lobby (2006/07), Kinder stark machen (2007/08), Chancen durch Bildung (08/09), Damit Kinder in Armut ihre Chance bekommen (2009/10), Gutes kommt zurück (2010/11), Gesund und fit (2011/12), Endlich mal raus (2012/13), Lernen ist cool (2013/14).

Unterrichtet wird an fünf Tagen pro Woche. Dafür stehen eine festangestellte Lehrerin und eine Minijobberin zur Verfügung, die in den zwei Klassenräumen in der halleschen Innenstadt lehren. „Den Rest übernehmen Ehrenamtliche“, erklärt Projektleiterin Manuela Diegmann. „Ohne sie wäre es gar nicht möglich“.

Viele der Ehrenamtler sind pensionierte Lehrer oder Studenten, die damit erste Praxiserfahrungen sammeln. So wie André Kieper. Der 23-Jährige ist angehender Biologie- und Geschichtslehrer und bereitet die Loop-Schüler auf die Bio-Abschlussprüfung vor. „Die Arbeit bringt auf jeden Fall einen Perspektivwechsel“, erklärt der Lehramtsstudent. „Man erfährt von vielen die persönlichen Schicksale, die sie hierher gebracht haben.“ Seitdem gehe er ganz anders mit Migranten in seinem Umfeld um. Die Arbeit mache ihm Spaß. „Und die meisten Schüler sind mit Leidenschaft dabei. Sie wollen wirklich lernen und sind für diese Chance sehr dankbar“, sagt Kieper.

Viele Schüler sind hochmotiviert

So auch Marick Dera. „Ich bin nicht zum Spaß hier. Deutschland hat mir damit eine Chance gegeben und die möchte ich nutzen“, erklärt er. Deswegen beschränke sich das Projekt für ihn nicht nur auf den Besuch des Schulunterrichts. Auch nach Schulschluss pauke er fleißig für die Prüfungen. Die eigene Motivation der Projektteilnehmer sei natürlich das Wichtigste, sagt Projektleiterin Diegmann. Wenn es an anderen Dingen hapert, könne man durch individuellen Förderunterricht oder Deutschnachhilfe unterstützen. „Aber der Wille muss als Grundlage da sein.“

Wie es für Dera weitergehen soll, wenn er alle Prüfungen bestanden hat, weiß er selbst noch nicht genau. Aber auch beim Übergang zu einer möglichen Ausbildung bietet das Projekt den jungen Migranten Unterstützung an. „Wir suchen mit den Teilnehmern gemeinsam Praktika oder helfen beim Schreiben von Lebensläufen und Bewerbungen. Auch zu Vorstellungsgesprächen begleiten wir sie, wenn es gewünscht ist“, sagt Diegmann. Manchmal kämen ehemalige Schüler vorbei und erzählen, was sie durch den Schulabschluss nun alles erreicht haben. Das freue sie dann immer besonders.

Finanziert wird das Projekt maßgeblich von Stadt, Land und Bund. Zwar reicht das Geld, um das Projekt am Laufen zu halten. Was dem Verein jedoch dringend fehlt, ist aktuelles Unterrichtsmaterial. (mz)