Arbeit für Flüchtlinge: Fachleute fordern Bürokratieabbau
Frankfurt/Main - Was empfinden Flüchtlinge als besonders schwierig in Deutschland? «Das Warten», gibt Kerstin Gerbig eine häufige Antwort wieder. Worauf? Auf die Abgabe des Asylantrags, einen Deutschkurs, einen sicheren Aufenthaltsstatus, eine Unterkunft und einen Job - nennen Fachleute am Mittwoch bei einer Tagung zum Thema «Ausbildung für Geflüchtete - Chancen und Herausforderungen für Hessen» als Beispiele. Gerbig, Vorsitzende des Veranstalters, der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit in Hessen (LAG), mahnt: «Volkswirtschaftlich gesehen ist Abwarten die kostenintensivere Option.» Aus Geflüchteten müssten rasch Fachkräfte werden. Das Duale Bildungssystem verfüge über die Voraussetzungen dafür. Wo liegen die Hindernisse?
Gerbigs Stellvertreter Conrad Skerutsch nennt gleich mehrere: «Wir haben sehr, sehr viele hochbürokratische Regeln.» So müssten Schutzsuchende sogar einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellen, um ein Praktikum machen zu können. Bis zu einer Entscheidung vergingen wegen der Überlastung der Behörden dann oft Monate. Der Zugang zu den zu wenigen Deutsch-Kursen sei zudem zu langwierig. Dies gelte insbesondere für Flüchtlinge, die nicht aus Ländern mit guter Bleibeperspektive kämen, wie etwa aus Afghanistan.
Vielen Flüchtlinge fehle es zudem nicht nur an Deutschkenntnissen, sondern auch an mangelnder Grundbildung etwa in Mathe - ein wichtiges Fach für viele Berufsabschlüsse. «Wir wissen wenig über die schulische und berufliche Ausbildung der Flüchtlinge», sagt Carla Burkert vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Es gebe noch keine repräsentativen Untersuchungen. «Vermutlich haben weniger als zehn Prozent einen Hochschulabschluss», gibt Skerutsch erste Erhebungen wieder.
«Das Bildungssystem in Syrien war bis zum Krieg zwar vergleichsweise sehr gut, die Unterschiede zum Bildungssystem im Westen sind aber dramatisch», sagt Skerutsch. So gingen Forscher davon aus, dass etwa zwei Drittel der syrischen Schulabgänger keine komplexen Texte verstehen könnten. In Eritrea und Afghanistan seien die Bildungssysteme noch deutlich schlechter. Dazu kämen komplett andere Schriftsysteme.
«Die Leute brauchen nicht nur Deutsch, sondern auch nachholende Grundbildung in Fächern wie Mathe, Geografie, Politik, Geschichte und Physik», sagt Barbara Sommer von der Volkshochschule Frankfurt. «Wir müssen den Menschen Zeit für den Spracherwerb einräumen.» Nötig sei zugleich «eine Grundbildung, damit sie Verpasstes nachholen können». Eine schnelle Entscheidung über den Aufenthaltsstatus und lernförderliche Wohnsituation seien wichtige positive Faktoren für den Spracherwerb. Und: «Die meisten Flüchtlinge sind hoch motiviert, und viele sind jung.»
«Wir können nicht alle noch mal zur Schule schicken und den Hauptschulabschluss nachmachen lassen», sagt Skerutsch. Sein Vorschlag: «Wir müssen in Fächern wie Mathe Essentials herausschälen und Konzepte entwickeln wie die Berufsschulen - oder berufsbegleitend beispielsweise die Volkshochschulen - solche Inhalte vermitteln können.» Das Sozialministerium in Wiesbaden hält nach den Worten von Ministerialdirigent Bertram Hörauf «theorieentlastete zweijährige Ausbildungsberufe» für sinnvoll und empfiehlt den Ausbau von Teilqualifizierungen.
«Die Flüchtlinge haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse beim Deutsch lernen», sagt Sommer. Einer Befragung von 2015 zufolge könnten nur etwa 40 Prozent Englisch, für die meisten anderen Schutzsuchenden sei das lateinische Schriftsystem neu.
Menschen mit einem Schulabschluss und Erfahrung im Fremdsprachenlernen bräuchten bei durchschnittlichem Lerntempo etwa acht Monate, um auf das B1-Niveau zu kommen, Voraussetzung für die Einbürgerung. An der Frankfurter VHS treffe dies auf etwa 20 bis 30 Prozent zu, sagt Sommer. Rund 40 Prozent lernten langsamer und erreichten das gleiche Niveau erst in 1,5 bis zwei Jahren. Etwa 30 Prozent müssten bei der Alphabetisierung und dem Lernen einer Fremdsprache unterstützt werden.
Burkert betont: Das Ausbildungspotenzial der Flüchtlinge sei hoch. Fast 43 Prozent der Flüchtlinge, die 2015 in Hessen einen Asylantrag gestellt hätten, seien zwischen 16 und 30 Jahre alt. Die Arbeitgeber müssten überzeugt werden, «dass die Arbeitskräfte von heute den Fachkräftebedarf von morgen sichern». Warum viele keinen Flüchtling einstellen? Fehlende Sprachkenntnisse, unpassende Qualifikationen und arbeitsrechtliche Vorgaben seien die häufigsten Antworten. (dpa/lhe)