Fast 30 Jahre später

RBL-Angreifer: Wie und wann Timo Werner von seiner DFB-Nominierung erfuhr

Leipzig - RBL-Angreifer spielt gegen England: 1988 brachte letztmals ein Leipziger Verein einen deutschen Nationalspieler hervor.

Von Ullrich Kroemer

Timo Werner war am Donnerstagabend daheim in seiner Wohnung im Leipziger Musikerviertel, als sein Handy klingelte. Bundestrainer Jogi Löw war am Apparat. Und er teilte Werner mit, dass der in der kommenden Woche mit zwei wichtigen Terminen planen könne: die Länderspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Mittwoch gegen England und am Sonntag gegen Aserbaidschan.

Werner ist ein aufgeweckter Typ, dem es nicht so schnell die Sprache verschlägt. Er bedankte sich in dem kurzen Telefonat beim Bundestrainer für die Einladung und freute sich über den Anruf – ein ganz normales Gespräch. Doch schnelleren Puls wird er wohl dann doch bekommen, wenn er am Sonntagabend auf die DFB-Stars trifft. „Klar ist es etwas Besonderes, plötzlich neben einem Manuel Neuer, Toni Kroos, Mesut Özil oder Thomas Müller am Esstisch zu sitzen und mit denen zu trainieren“, sagt Werner. „Auf jeden Fall wird es sehr aufregend.“ Er wolle einfach Stimmung und Atmosphäre aufsaugen. „Ich möchte es einfach genießen, mit dieser Mannschaft spielen zu dürfen. Ich versuche, meine Aufregung und Nervosität runterzufahren und meine Leistung, wie ich sie bei RB Leipzig bringe, auch dort zu bringen.“

RBL-LEISTUNGSDATEN:

Timo Werner darf mit seinem Jugend-Idol Mario Gomez zusammen auf Torejagt gehen

Dass der derzeit beste deutsche Bundesliga-Torjäger künftig das DFB-Dress tragen und gemeinsam mit seinem Jugend-Idol Mario Gomez auf Torejagd für Deutschland gehen darf, ist auch für seine Kollegen sowie den gesamten Betreuerstab des polarisierenden Klubs RB Leipzig eine Bestätigung. „Die Nominierung ist eine Auszeichnung für die Leistung der gesamten Mannschaft und deren Entwicklung“, sagte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick. „Durch unsere Spielweise und die bisher sehr erfolgreiche Saison konnte er sich in den Vordergrund spielen.“

Zwar hat Werner seine fußballerische Ausbildung beim VfB Stuttgart genossen und seine Nominierung für das A-Team schien nach 48 Nachwuchs-Auswahlspielen in allen DFB-Jahrgängen beinahe zwangsläufig. Doch vom A-Nationalspieler war der kriselnde Werner im Sommer noch so weit entfernt wie RB Leipzig derzeit vom Abstieg.

Den herausragenden Form-Anstieg des Stürmers dürfen sie sich bei RB Leipzig also getrost auf die Fahnen schreiben. „Die Nominierung ist der Lohn für die harte Arbeit und seine Entwicklung bei uns“, sagte Trainer Ralph Hasenhüttl. „Das sollte für Timo jetzt auch Ansporn sein, weiter an sich zu arbeiten und sich zu verbessern, um dann auch in der Nationalmannschaft auf sich aufmerksam zu machen.“

Werners Berufung ins Aufgebot der Nationalmannschaft hat in diesem Zusammenhang durchaus auch eine historische Note. Nicht nur, weil der Schwabe als erster deutscher Nationalspieler in die noch junge Geschichte des erst acht Jahre alten Klubs RB Leipzig eingeht. Sondern auch, weil Werner der erste Nationalspieler von einem Klub aus den neuen Bundesländern ist, seitdem der damalige Rostocker Marko Rehmer 1998 berufen wurde. Das ist mittlerweile fast 20 Jahre her.

Fast 30 Jahre später: Die Nominierung eines DFB-Spielers von einem Leipziger Klub war zuletzt 1988

Die Berufung eines deutschen Auswahlspielers von einem Leipziger Klub datiert gar von 1988: Lok-Verteidiger Torsten Kracht wurde damals in die DDR-Auswahl berufen. Andere wie Bernd Hobsch, Heiko Scholz, Olaf Marschall oder später Frank Rost und René Adler hatten einst Leipzig verlassen müssen, um Nationalspieler zu werden.

Mittlerweile hat sich das umgekehrt: Talente wie Werner kommen nach Sachsen, um sich für das DFB-Team interessant zu machen.

Bei RB Leipzigs kommendem Spiel am Samstag bei Werder Bremen wird der angehende Nationalstürmer nun besonders im Fokus stehen. „Jeder wird doppelt draufschauen, wie man sich nach so einer Nominierung verhält. Man muss noch mehr Gas geben, um die Einladung zu rechtfertigen“, weiß Werner.

Ungewohnterweise könnte er an der Weser zum ersten Mal gemeinsam von Beginn an mit Sturmpartner Davie Selke auflaufen. Es könnte entscheidend für den Auftritt gegen die Grün-Weißen werden, wie der formschwache Ex-Bremer – am Freitag für die U21 nominiert – und Werner harmonieren. Hasenhüttl hatte angekündigt, sein Team nach der 0:1-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg etwas flexibler und variabler ein- und aufzustellen. „Wir müssen uns ein paar verschiedene Pläne zurechtlegen, die wir vielleicht brauchen können, so dass wir schnell zwischen den Herangehensweisen hin- und herswitchen können“, sagte er. „Da lassen wir uns ein paar Optionen mehr offen.“ Aber er sagte auch: „Wir sind definitiv nicht an dem Punkt, an dem wir alles ändern müssen. Es ist noch lange kein Grund, sich hinten einzuigeln und alles infrage zu stellen.“

Schließlich ist RB Leipzig mit diesem Stil Tabellenzweiter geworden – und Timo Werner Nationalspieler. (mz )