Alles drin im Saisonfinale

RB Leipzig: Sieg gegen Wolfsburg kennt viele Gewinner

Leipzig - Der Jubel im Leipziger Stadion nach dem 4:1 (2:0) gegen den VfL Wolfsburg hatte viele Gesichter und Geschichten. Da war Dominik Kaiser, der bei seinem letzten Bundesliga-Heimspiel – sein 171. für RB Leipzig – noch einmal als Kapitän auflaufen durfte und bei seiner Auswechslung kurz vor Schluss emotional von Kollegen und Fans verabschiedet worden ...

Von Ullrich Kroemer
4:1 gegen den VfL Wolfsburg: Endlich wieder gute Laune bei RB Leipzig.
4:1 gegen den VfL Wolfsburg: Endlich wieder gute Laune bei RB Leipzig. dpa-Zentralbild

Der Jubel im Leipziger Stadion nach dem 4:1 (2:0) gegen den VfL Wolfsburg hatte viele Gesichter und Geschichten. Da war Dominik Kaiser, der bei seinem letzten Bundesliga-Heimspiel – sein 171. für RB Leipzig – noch einmal als Kapitän auflaufen durfte und bei seiner Auswechslung kurz vor Schluss emotional von Kollegen und Fans verabschiedet worden war.

Da war Kevin Kampl, der nach Abpfiff das Trikot mit der Nummer 5.5. trug, weil am Samstagmorgen sein Sohn Jordi Noel geboren wurde. Um bei der Geburt dabei sein zu können, war der Mittelfeldspieler nachts halb eins in seine Heimatstadt Solingen gerast. Als der Junge gesund auf der Welt war, fuhr Kampl die knapp 500 Kilometer wieder zurück – stets in Kontakt mit Trainer Ralph Hasenhüttl –, um dann ohne eine Minute Schlaf auf dem Feld eine Energieleistung zu vollbringen.

Lookman und Augustin als Matchwinner für RB Leipzig

Und da war natürlich das Matchwinner-Trio Ademola Lookmann (zwei Tore), Jean-Kévin Augustin (ein Tor, zwei Vorlagen) und Timo Werner (ein Tor, eine Vorlage), die dieses Spiel gegen den Abstiegskandidaten entschieden.

Doch am Wichtigsten beim ersten Sieg nach fünf sieglosen Partien war, dass wieder eine Einheit auf dem Platz stand, die füreinander Wege ging, kompakt verteidigte, sich aus dem Sumpf zog und das Team auf Europapokal-Kurs hielt. Nicht unerheblich dabei: Dominik Kaiser. „Er war ein belebender Faktor für uns, was die Mentalität angeht”, lobte Hasenhüttl. „Er hat positive Energie in die Mannschaft, gebracht, weil er ein sehr gutes Standing im Stadion hat.” Keeper Pete Gulacsi attestierte der Mannschaft nach den wilden Auftritten zuletzt eine „sehr erwachsene Leistung. Heute waren wir elf Mann auf dem Platz, die richtig gut gegen den Ball gearbeitet haben”, sagte der Ungar.

Und in der Tat: Wie RB bei Ballbesitz des Gegners zwei Viererketten formierte und so deutlich kompakter agierte als zuletzt sowie bei Standards besser stand, waren Schlüssel für die Trendwende. Ebenso wie die effektivere Chancenverwertung und die mentale Stabilität nach Rückschlägen wie dem Anschlusstreffer von Daniel Didavi (47.) nicht zusammenzubrechen, sondern mit klarem Kopf weiterzuspielen.

4:1 gegen Wolfsburg: Ein Spiel wie eine Kur für RB Leipzig

„Wir haben mit viel Leidenschaft und Hingabe den Bock umgestoßen”, sagte Hasenhüttl erleichtert. Auch für den Trainer, der diesen Sieg und diese Reaktion der Mannschaft auch in Bezug auf seine Zukunft brauchte, ein Spiel wie eine Kur.

Dabei waren die Wolfsburger anfangs besser, hatten früh erste Chancen. „Wir haben sehr unsicher gewirkt am Anfang”, räumte Hasenhüttl ein. Doch im Gegensatz zu den jüngsten Auftritten nutzte Rasenballsport gleich die ersten Gelegenheit, als der starke Augustin zwei Mal bis zur Grundlinie durchging – eine Qualität, die den Leipzigern zuletzt komplett abging – und Lookman und Timo Werner bediente, die früh trafen (24., 34.).

Doch es gehört auch zur Wahrheit, dass die Wolfsburger Abwehr RB geradezu zu Toren einlud. Vor allem Youngster Ohis Felix Uduokhai leistete sich völlig verunsichert und überfordert haarsträubende Patzer, als er vor dem 2:0 für Werner auflegte und sich vor dem 3:1 durch Lookman (52.) als letzter Mann den Ball abnehmen ließ. Trainer Bruno Labbadia und das gesamte Team mussten den Unglücksraben nach Abpfiff trösten. „Diese groben, individuellen Fehler brechen uns das Genick”, sagte „Wölfe”-Spielführer Maximilian Arnold konsterniert. „Aber wir sind alle nur Menschen.”

Platz vier bis Platz neun: Für RB Leipzig ist noch alles drin

So haben beide Teams am letzten Spieltag jeweils ein Endspiel. Die komplett verunsicherten Wolfsburger müssen mit zumindest einem Remis gegen den 1. FC Köln wenigstens Relegationsrang 16 verteidigen. „Das wird ein Gedulds- und Nervenspiel”, prophezeite Labbadia, der von einigen Wolfsburger Fans mit Gesängen verhöhnt wurde.

RB darf sich vor dem letzten Spiel bei Hertha BSC plötzlich sogar wieder Hoffnungen auf die Champions League machen, kann aber auch die Europa-League-Teilnahme noch verspielen. Sportdirektor Rangnick hat die „Königsklasse” noch nicht abgeschrieben.

„Von Rang vier bis Rang neun ist alles möglich. Wir können immer noch auf einen Champions-League-Platz kommen, wenn Hoffenheim und Leverkusen verlieren”, rechnete Rangnick vor. „Das mag nicht besonders realistisch klingen, aber es ist auch nicht ausgeschlossen.” Es wäre die Pointe einer kuriosen RB-Saison, einer mit vielen Gesichtern. (mz)