Abschied des RBL-Stars

Abschied des RBL-Stars: Naby Keita zwischen Licht und Schatten

Leipzig - Der Abschied von Naby Keita von RB Leipzig steht schon lange fest, der Mittelfeldspieler wird sich im Sommer dem FC Liverpool anschließen. RBL verliert damit einen so begnadeten wie unbeherrschten Spieler. Zwei Sichtweisen auf Naby ...

Von Ullrich Kroemer und Martin Henkel
Naby Keita war bei RB Leipzig ein auffälliger Typ: Auf und neben dem Rasen.
Naby Keita war bei RB Leipzig ein auffälliger Typ: Auf und neben dem Rasen. imago sportfotodienst

Der Abschied von Naby Keita von RB Leipzig steht schon lange fest, der Mittelfeldspieler wird sich im Sommer dem FC Liverpool anschließen. RBL verliert damit einen so begnadeten wie unbeherrschten Spieler. Zwei Sichtweisen auf Naby Keita.

Naby Keita bei RB Leipzig: Eine Einschätzung von Ullrich Kroemer

Naby Keita wird am Samstag sicher wieder eines seiner extrovertierten Outfits ausführen: knallroter Anzug und Hut, gewagter Einteiler oder zumindest eine mit Brillanten besetzte Kappe. RB Leipzigs scheidender Star gibt seine Schlussvorstellung vor heimischem Publikum bekanntlich nicht auf dem Rasen, sondern er sitzt gesperrt auf der Tribüne.

Und das ist jammerschade, denn dieser großartige Fußballer machte auf dem Spielfeld stets eine viel bessere Figur als in extravaganter Mode. Keita ist zweifelsohne der begnadetste Spieler, der je für Rasenballsport auf dem Feld stand. Ein Jahrzehnt-Fußballer, von dessen Talent sie in Leipzig noch Jahre später schwärmen werden.

Aha-Erlebnis gegen Dresden

Über welche außergewöhnlichen technischen und taktischen Fähigkeiten der 1,72 Meter kleine und 64 Kilogramm leichte Keita verfügt, zeigte er direkt in seinem ersten Spiel im DFB-Pokal bei Dynamo Dresden. Man musste gar kein Fußballexperte sein, um sehen zu können, dass der damals 21-Jährige das Spiel verstand und den Ball eleganter führte als seine Kollegen. Ein Aha-Erlebnis. Ein solch feiner Fußballer, schwärmten selbst die Dresdner, habe in diesem Stadion noch nicht gespielt. Das gilt auch für viele andere Stadien, in denen Keita auflief.

Mit seinem ersten Bundesligator im ersten Heimspiel gegen den BVB leitete er RBs Höhenflug ein. Als ihn Trainer Ralph Hasenhüttl nicht als Zehner aufbot, sondern ins defensive Mittelfeld stellte, wo er das Spielfeld vor sich hatte, um selbst in Räume zu stoßen und in Dribblings zu gehen oder seine Mitspieler mit eleganten Schnittstellenpässen einzusetzen, ging sein Stern richtig auf. Überregional in aller Munde war er erstmals, als er gegen Werder Bremen vom Mittelkreis bis zum Torabschluss sieben Bremer aussteigen ließ und zum 1:0 traf – sein vielleicht schönstes Tor im RB-Dress. Spätestens seit diesem Tag war der introvertierte Afrikaner der Kopf im Spiel von RBL. Am Ende war Keita mit je acht Bundesligatoren und -vorlagen einer der Shootingstars der Saison.

Auf Niveau der Vorsaison

Doch das war nicht nur Auszeichnung für ihn, sondern geriet auch zur Bürde. Neben den Erwartungen, die auf seinen schmalen Schultern lasteten, bearbeiteten gegnerische Spieler den Genius aus Guinea so lange, bis er sich provozieren ließ oder im Übereifer überreagierte. Der zentrale Mittelfeldspieler agierte dadurch bisweilen zu eigensinnig und verkrampft. Trotzdem war Keita auch 2017/18 ein Unterschied-Spieler. Schaut man sich seine Werte bei Torschüssen, Torschussvorlagen und Passquote an, sind die fast durchgängig auf dem Niveau der Vorsaison. Trotz Champions League, wo er etwa in Monaco oder auch daheim gegen Besiktas Istanbul glänzte. Ebenso wie in der Bundesliga gegen Bremen oder Bayern München.

Diesen Partien noch eine brillante folgen zu lassen, die Chance hat er noch: kommenden Samstag in Berlin. Einen Tag später heißt es dann: Adiéu, Naby. Beim Abschiedsspiel von Dominik Kaiser wird er ebenfalls verabschiedet.

Einschätzung von Martin Henkel

Doch der große letzte Auftritt wird das vermutlich nicht werden. Denn wo Licht ist, da gibt es immer auch Schatten, und Naby Keita hatte so lichte Seiten wie dunkle, an die man sich genauso erinnern wird, wenn es in Leipzig und Umgebung irgendwann heißen wird: Weißt du noch, damals, der Keita?

Drei Platzverweise

Denn dieser Keita saß bei seinem letzten offiziellen Heimtermin unter den Zuschauern. Warum? Weil er in der Nachspielzeit der bereits 0:3 verlorenen Bundesliga-Partie gegen Mainz 05 seinen Gegner Ridle Baku umsäbelte. Die Folge: Zweite Gelbe Karte, Platzverweis, ein Spiel Sperre – schon wieder!

Es war kaum zu glauben: Zwei Keitas haben zwei Jahre lang in Leipzig Fußball gespielt. Der eine war schüchtern, sprach so leise, dass man ihn kaum verstand, und führte in Zivil ein fast schon verstecktes Leben im Schatten des anderen Keitas, der sich in seinen 57 Spielen für RB eine Rote und zwei Gelb-Rote Karten einhandelte – alle drei in seiner zweiten Saison.

Man kann trefflich darüber spekulieren, ob der Grund für die Kartenflut im Verkaufsvorvertrag mit dem FC Liverpool zu suchen ist. Beim Champions-League-Finalisten hatte Keita schon im Sommer 2017 unterschrieben. Spekulieren darüber, ob der Mittelfeld-Virtuose durch die gesicherte Zukunft im englischen Spitzenfußball mit kürzerer Zündschnur auf die dauerhaften Attacken seiner minderbegabten Gegenspieler aus der Bundesliga reagierte.

Unvergessen: Keitas Revanchefoul im Trainingslager gegen Diego Demme

Fakt ist: Keita war nicht nur mit dem Ball brillant, sondern genauso unbeherrscht ohne. Das zeichnete sich schon gegen Ende der ersten Saison ab, als er in den letzten 13 Spielen sechs „Gelbe“ bekam. Dem folgte im Trainingslager in Seefeld eine Revanchegrätsche gegen Diego Demme, den das die große Teile der Saisonvorbereitung und das erste Ligaspiel kostete. Ausgerechnet Demme, sein Nebenmann auf den Sechser-Positionen vor der Abwehr.

Im Anschluss sah er Rot gegen Gladbach, Doppelgelb gegen die Bayern im Pokal und gegen Mainz. Aber damit hatte es sich nicht mit den negativen Schlagzeilen, die Keita in der zweiten Saison regelmäßig zu produzieren begann. Teils lustlose Auftritte und allerlei kleinere Verletzungen, die ihn immer wieder aus dem Tritt brachten, wechselten sich ab mit Meldungen über sein Faible für schnelle, teure Autos, die zu fahren der Verein eigentlich nicht goutiert.

Naby Keita und die Führerschein-Affäre

Er musste sie deshalb vor der Akademie abstellen, wozu er aber eigentlich nicht berechtigt gewesen wäre. Denn auch fürs Parken braucht man einen Führerschein. Einen gültigen – und keine „Totalfälschungen“, wie das sächsische Landeskriminalamt im Herbst vorigen Jahres über die Dokumente urteilte, die der 23-Jährige der Führerscheinstelle vorgelegt hatte. Keita büßte dafür mit 250.000 Euro Strafe.

Er wird all das verschmerzen können. Doch erst die Jahre werden zeigen, ob das auch für den sportlichen Nachlass des feinsten Fußballers gilt, den RB bis dato in seinen Reihen hatte: Ein Virtuose aus Conakry in Guinea, der die Bundesliga daran erinnerte, dass manches Talent nur auf der Straße zu haben ist. Und der ihr ebenso vor Augen führte, dass die Straße nicht nur Füße formt.

(mz)