RB Leipzig

RB Leipzig: Drittklassig im dritten Anlauf

Lotte/mz - Der graubärtige Mittsechziger auf der Haupttribüne der Lotter Arena hatte plötzlich Bedenken. „Bei so einem Spiel kann man schon mal was am Herzen kriegen“, meinte der Sympathisant des örtlichen Regionalliga-Klubs zu seiner Frau – kurz nachdem der eingewechselte Lotte-Spieler Dennis Schmidt in der letzten Minute der ausgedehnten Nachspielzeit zum 2:0 für die wackeren Sportfreunde getroffen und gegen Gigant RasenBallsport Leipzig eine Verlängerung erzwungen ...

Von Andreas Morbach

Der graubärtige Mittsechziger auf der Haupttribüne der Lotter Arena hatte plötzlich Bedenken. „Bei so einem Spiel kann man schon mal was am Herzen kriegen“, meinte der Sympathisant des örtlichen Regionalliga-Klubs zu seiner Frau – kurz nachdem der eingewechselte Lotte-Spieler Dennis Schmidt in der letzten Minute der ausgedehnten Nachspielzeit zum 2:0 für die wackeren Sportfreunde getroffen und gegen Gigant RasenBallsport Leipzig eine Verlängerung erzwungen hatte.

In der fiel das gesteigerte Herzrasen beim Duell der blauen Däumlinge gegen die rot-weißen Riesen allerdings aus. In der 96. Minute verkürzte der eingewechselte Matthias Morys für Leipzig auf 1:2 – und die zwei Tore, die Lotte nun zum Aufstieg in die dritte Liga fehlten, bekam das Team von Maik Walpurgis nicht mehr hin. Vielmehr gelang den Gästen durch einen Foulelfmeter von Stefan Kutschke noch das 2:2 (110.), womit zugleich die erste Saisonniederlage für RB verhindert war.

Teamwork als Schlüssel

Am Ende blieb es für die als Retortenklub verschrienen Sachsen inmitten von Laubwäldern, Wiesen und Maisfeldern bei einer kurzzeitigen Zitterpartie. Und nach zwei misslungenen Aufstiegsversuchen in die dritthöchste Spielklasse in den vergangenen zwei Jahren - einmal gestoppt vom Chemnitzer FC, einmal vom Halleschen FC - hat der vom österreichischen Getränkehersteller Red Bull geförderte Klub nun den ersten Schritt bei seinem mittelfristigen Plan hinbekommen. Der da lautet: Aufstieg in die Bundesliga.

In der nächsten Saison geht es für die Mannschaft von Alexander Zorniger nun erst einmal in Liga drei weiter. „Ein großes Kompliment an die Mannschaft. Sie haben es geschafft, in dieser Saison unbesiegt zu bleiben, das verdient sehr viel Respekt und Anerkennung“, sagte Red-Bull-Sportdirektor Ralf Rangnick. „Die Mannschaft besticht besonders durch ihr Teamwork und hat sich diesen Aufstieg verdient.“

Die Mannschaft und die Anhängerschaft, dessen philologische Abteilung sich bei der künstlerischen Vorbereitung auf das entscheidende Duell im Tecklenburger Land große Mühe gegeben hatte. Denn vor dem Anpfiff tauchten im RB-Block zwei gewaltige Transparente mit der Aufschrift „Curva Lipsia“ auf. Die „Leipziger Kurve“ befand sich letztlich zwar auf der Gegengerade, die intensive Unterstützung durch ihr 2 500-köpfiges Gefolge nutzte das Team von Alexander Zorniger aber trotzdem zu einem beschwingt-rustikalen Start.

Nach zehn Minuten waren bei RB bereits Sebastian Heidinger und Rockenbach da Silva verwarnt, so dass die versammelte Lotter Gemeinde wegen der gegnerischen Härte früh mächtig in Wallung geriet. Aus den Händen der Sportfreunde-Fans regnete es reichlich Bier auf die Leipziger Spieler nieder – und nach 18 Minuten hätte Innenverteidiger Fabian Franke mit einem Kopfballtor nach einer Rockenbach-Ecke die Wut der Gastgeber um ein Haar weiter gesteigert. Doch Lotte-Keeper David Buchholz parierte und ebnete so den Freudenausbruch, der das idyllisch gelegene Stadion von Lotte acht Minuten später heimsuchte.

Viele Chancen für Lotte

Nach einem Freistoß von Linksverteidiger Michael Hohnstedt traf Tobias Willers für den Meister der Regionalliga West zum 1:0. Der wuchtige Kapitän und Abwehrchef konnte seine Freude kaum bändigen, rannte völlig aufgelöst über den ganzen Platz. Denn auch er wusste: Nun hatte der Außenseiter aus der nördlichsten Ecke von Nordrhein-Westfalen eine gute Stunde Zeit, um ein zweites Tor und damit eine Verlängerung zu erzwingen. Allerdings gingen Lottes Kicker diese Aufgabe mit großer Hektik an. Insbesondere in Person von Offensivkraft Roman Prokoph, der zum einen häufig im Abseits stand und zum anderen bis zur Pause vier formidable Chancen verstreichen ließ.

Immerhin war der geplante Coup der Sportfreunde gegen den letztlich übermächtigen Gegner zu diesem Zeitpunkt noch im Bereich des Möglichen. Umso mehr, als der blonde Reservemann Schmidt in der Nachspielzeit zum 2:0 traf und manchem Sportfreund auf der Tribüne das Herz zu flattern begann.

Zumindest für ein paar Minuten.